»Wozu unsere Geschäftigkeit, wozu alle die Pläne, Absichten, Entwürfe, Aufgaben, Ziele? Der ganze Lärm, den wir machen, dient er nicht bloß dazu, die eine furchtbare Frage in unserem Innern zu übertäuben, die Frage nach dem Warum des Lebens –? ...... Es könnte ja sein, daß wir alle zusammen wahnsinnig sind. Daß die ganze Menschheit bloß eine Schar von Verrückten ist, die ihren Wahnvorstellungen nachjagt. Sind nicht vielleicht die einzigen weisen und einsichtigen Menschen diejenigen, die hingehen und sich einen Strick um den Hals knüpfen oder eine Pistole vor den Kopf schießen, um diesem gräßlichen Narrenhaus endgiltig zu entrinnen?«

»Und wie er mit seinem Pessimismus Pfauenräder schlägt!« fuhr Dr. Kranich belustigt fort. »Das wird doch eine originelle Methode sein, den Hof zu machen!«

»Den Hof zu machen?«

»Vielleicht ist es übrigens keine ganz verfehlte Spekulation. Den lieben kleinen Mädchen imponieren, das ist die Hauptsache, wodurch, das ist Nebensache. Faute de mieux kann es auch durch Lebensüberdruß sein. Und wie es scheint –« er warf einen spöttischen Blick aus den Augenwinkeln auf mich – »macht man damit Eindruck auf alle Frauenherzen –«

Wir gingen knapp hinter Elmenreich. Bei seiner lauten, heftigen Redeweise war jedes seiner Worte zu hören. Und wie hätten diese Worte keinen Eindruck auf mich machen sollen! »... Ich bin mit dem Leben unzufrieden; es ist mir eine Last. Und warum sollte ich mich nicht davon freimachen können, wie von einer anderen Plage und Last? Aber ich will die Entscheidung darüber treffen als ein freier und besonnener Mensch; und ich will mir vorher das Leben daraufhin ansehen noch ein paar Jahre lang. Wir leben für gewöhnlich so blind in den Tag hinein, als ob es sich von selbst verstünde, daß man lebt. Aber in dem Augenblick, als man erkannt hat, daß das Leben nichts wert ist, soll man ein Ende machen, aus freiem Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...!«

Dieselben Wendungen, derselbe Tonfall, dieselben Ausdrücke sogar!

»Ich muß das arme Mädchen von diesem unausstehlichen alten Klageweib befreien«, sagte Dr. Kranich. »Sie gestatten, gnädige Frau? Da es meinen bescheidenen Mitteln doch nicht gelingt, die Konkurrenz mit Ihren eigenen Gedanken zu bestehen –«

Er war mit einem Satze neben Eugenie. Ich sah, daß sie sich sofort zu ihm wandte. Ihr herrliches Profil zeigte keinerlei Gemütsbewegung; Elmenreichs Worte schienen nichts weniger als einen erschütternden Eindruck bei ihr hervorgebracht zu haben. Sie kehrte sich kein einziges Mal mehr nach ihm herüber. In ihrer gemessenen Weise stimmte sie alsbald in das bekannte jauchzende Lachen ein.

Nachdem Elmenreich eine Weile schweigend nebenher gegangen war, verlor er sich zwischen den Bäumen. Eugenie schien es nicht zu bemerken.

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