Der Regen hat aufgehört. Als wir auf die Lichtung kommen, liegt das Bauernhaus behaglich in dem ersten hervorbrechenden Sonnenstrahl und läßt sein gesprenkeltes Schindeldach trocknen. Auf der Bank vor der Eingangsthür sitzt der »Meister«, die Hände auf den Knien, den Kopf auf die Brust geneigt, in einer Versunkenheit und Ruhe, die etwas Würdevolles hat. Vielleicht aber auch etwas Künstliches; denn er muß uns wohl sehen, wie wir aus dem Schatten des Waldes auf die Lichtung in die Sonne heraustreten.
Wir haben uns am Waldrand wieder alle zusammengefunden; auch der Vermißte, der »verlorene Sohn« Elmenreich, stand dort und schloß sich an.
Konventionelle Begrüßung und Vorstellung. Der Graf nimmt den Meister beiseite und flüstert mit ihm, während Pipin unter den alten hohen Fichten neben dem Hause geschäftig seine Plaids ausbreitet und die Plätze anweist. Dann verschwindet der Meister im Hause, und wir setzen uns im Kreise auf die Plaids.
Die Sonne fällt in schmalen Streifen zwischen dem glitzernden Grün herein; kleine Regenbogen glühen ringsherum in Tropfen und Tröpfchen. Ueber die dürren Tannennadeln, die zu einem roten Teppich auf dem Boden ineinandergewirrt sind, steigen Ameisen mit großen schwarzen Köpfen und betasten angelegentlich alles, was ihnen im Wege liegt. Grünschillernde Käfer gehen vorüber, schwerfällig, als hätten sie eine metallene Rüstung zu tragen. Goldene Fliegen schießen herum und bleiben in der Luft stehen, wo es ihnen gefällt. Mücken tanzen auf und nieder, spielen miteinander in einem Reigen voll geheimnisvoller Seligkeit.
Oben durch die Wipfel schimmern weiße Wolken auf einem Himmel, der so tiefblau ist, daß man hindurch zu sehen glaubt auf die ungeheure dunkle Tiefe dahinter. In der Ruhe, die herrscht, hört man nur das leise Ticken fallender Tropfen.
Ein großer Frieden, eine wundersame Harmonie. Nichts Störendes ist hier – außer den eleganten Gestalten, die sich auf den Plaids, so bequem es gehen will, einrichten, mit Bewegungen und Geberden, die ihre Herkunft von gepolsterten Salonmöbeln nicht verleugnen können. Ja, diese elegante Gesellschaft sieht in dieser Umgebung vollkommen überflüssig aus.
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Nach einiger Zeit kam der Meister aus dem Hause heraus, mit bedächtigem Pastorenschritt, den Blick zu Boden gesenkt. Als er zu sprechen begann, heftete er seine Augen nicht auf die Zuhörer; er sah in die Bäume hinauf, als richte er seine Worte nur an sie und nicht an uns.
Seine Augen haben etwas Sympathisches; hinter seinem goldenen Zwicker hervor schauen sie unschuldig und mit einer sanftmütigen Zerstreutheit in die Welt. Sie erwecken den Eindruck, daß sie keine deutlichen Wahrnehmungen aus der Realität vermitteln. Es sind die Augen eines weltunkundigen Menschen. Weniger sympathisch sind seine Mundbewegungen, während er spricht. Die Unterlippe, die ein wenig nach rückwärts flieht, macht sich durch allzureichliches Muskelspiel bemerkbar. Diese Unterlippe ist nicht ganz bei der Sache; sie hat keine Naivität. Sie gehorcht nicht ohne Widerrede dem Wort, sie lebt auf eigene Faust. Es ist die Lippe eines selbstgefälligen Menschen.
Er spricht eintönig, fast larmoyant, mit einer farblosen Stimme, langsam aber fließend, so fließend, als hätte er alles, was er sagt, auswendig gelernt. Etwas Absichtliches liegt in seiner Art. Es ist die Art eines Menschen, der seine Schüchternheit durch einen Willensakt überwindet.