Seine Predigt begann mit einer Apostrophe an die Welt, in einer lieblichen und naiven Sprache, die deutlich verriet, daß sie eines anderen Geistes Kind war. Doch vergaß er im Eifer der Rezitation, anzumerken, woher er sie hatte. »O liebe Frau Schwester«, so redete er die Sonne an, und »lieber Herr Bruder« den Wind, und so pries er das Wasser, das Feuer, die Erde und Bäume, Kräuter und Getier als seine Geschwister. Bald aber verließ er diese friedliche Höhe und stieg in die Arena der Polemik herab. Auf eine kurze Formel gebracht, lautete der Sinn seiner umständlichen Ausführungen: »Zurück ins Mittelalter«. Alles Spätere war Verirrung, Mißverständnis, Unsinn, ein langer Weg in einer falschen Richtung. Und jetzt ist die Zeit gekommen, da die Menschheit nicht weiter kann, da sie einzusehen beginnt, daß sie sich in eine Sackgasse verrannt hat mit ihrem unzulänglichen Streben nach Wissen, mit ihrem kurzsichtigen Aberglauben an die Macht der Aufklärung. Jetzt fangen wir an, die Schuld der Väter am eigenen Leibe zu büßen; wie Blei liegt es in unseren Gliedern ... »sind wir nicht alle krank und möchten gerne genesen? Sind wir nicht alle müde und möchten gern ausruhen? Wenn wir uns besinnen, ergreift uns nicht ein Schwindel? Schaudern wir nicht, wenn wir in den schwarzen Abgrund des Nichts blicken, der vor unseren Füßen gähnt? Fühlen wir nicht immerfort die Verzweiflung wie eine kalte Faust im Nacken? Suchen wir nicht krampfhaft nach Heilmitteln für die fressende Unruhe, von der unsere Seele erfüllt ist?«

Der moderne Mensch weiß eben nicht, welchen Weg er einschlagen muß; er weiß nicht, was er thun muß, um dem Sansara zu entrinnen und in die große Ruhe einzugehen ... »Ertrinkende sind wir, die wild um sich schlagen, um sich an der Oberfläche zu erhalten. Wir wollen an der Oberfläche bleiben, weil wir nicht wissen, daß nur an der Oberfläche der Sturm wütet, von dem wir umhergeschleudert werden. Wir wollen an der Oberfläche bleiben, weil wir nicht wissen, daß in der Tiefe allein Ruhe herrscht. Wir kämpfen gegen Wellen und Winde, todmüde und sterbenskrank, anstatt daß wir die Hände auf die Brust legen ohne Widerstand und ergebungsvoll untersinken in die stille, heilige Tiefe. Freudig zu ertrinken, das ist es, was wir lernen müssen –«

Als der Meister ungefähr so weit gekommen war, stieß Elmenreich ein vernehmliches »mna« aus und stand auf.

Pipin hatte unverwandt mit einem Ausdruck höchster Spannung auf Elmenreich gestarrt. Er schien die Wirkung nicht erwarten zu können, die des Meisters Worte auf ihn hervorbringen mußten. Jetzt fuhr er zusammen, wie mit kaltem Wasser begossen. Auch der Graf, der bis dahin in einer aus Andacht und Bequemlichkeit gemischten Haltung auf seinem Plaid saß – er hatte die Kniee hoch hinaufgezogen, auf die Kniee seine gefalteten Hände und auf die Hände seine Stirn gelegt – auch der Graf erhob seinen Kopf. Beschwörend streckte er die Hand gegen Elmenreich aus. Es geschah aber nichts weiter, als daß Elmenreich sich mit gekreuzten Armen weiter rückwärts an den nächsten Baumstamm lehnte.

Der Meister fuhr unbeirrt fort. Er hatte nur einen flüchtigen Blick auf den Störenfried geworfen. Aber nun, in der Tiefe, in die er unter Elmenreichs skeptischer Interjektion versunken war, wurde seine Rede dunkel. Dort fand er das ewige Urfeuer, die Zentralsonne, von der alle einzelnen Seelen als Strahlen ausgehen. Dort sollte die Seele wieder eins werden mit dem Allgeiste, der ihr Vater ist, dort sollte sie allwissend und allgegenwärtig, sollte, aus der Sphäre des Individualbewußtseins entrückt, selber Gott werden ...

Aber nur die Auserwählten sind es, die dort anlangen. Und nur die Auserwählten kennen den Weg, der dorthin führt. Wenn wir ihn einschlagen wollen, dann müssen wir vor allem den Verstand überwinden, denn das ist der Erzfeind. Und das Schreiten in Begriffen, das Sohlen und Seelen schwer wie Blei macht, das ist die Erbsünde. Die Gedankenwelt, das ist die Hölle, wo wir von bösen Geistern ewig im Kreis herumgeführt werden, bis wir vor Ekel und Ohnmacht zusammenbrechen. Darum weg mit dem Denken, als mit einer vieltausendjährigen Verirrung, in die sich die Menschheit auf ihrem Suchen nach Wahrheit verstrickt hat. Sobald der Druck des Denkens von uns weicht, werden wir erkennen, was sich hinter der Erscheinungswelt verbirgt, die Nebel der Begrifflichkeit, in denen wir sorgenschwer herumtappen, werden sich teilen ... eine tanzende Freudigkeit wird unsere Seele erfassen, bis sich uns in einem dyonisischen Rausch die verborgenen Herrlichkeiten der jenseitigen Welt enthüllen. Unsere Füße aber werden leicht und frei sein wie unsere Herzen, und wir werden tanzen, tanzen, tanzen –

Bei diesen Worten schürzte er seinen Prophetenmantel, indem er ihn von rückwärts nach vorne zog und in den Ledergürtel steckte, der seine Blouse zusammenhielt. Und mit ausgestreckten Armen begann er taumelnde Schritte zu machen, ungeschlachte, groteske Bewegungen, wie sie ein Körper hervorbringt, der ungewohnt aller Leibesübungen ist.

Die Sonne lag mit abendlicher Glut auf den Wipfeln der Fichten. Still und unbeweglich standen sie; sie schienen zu erröten über ihren Bruder, dem sie so überlegen waren mit ihrer in sich gekehrten Ruhe.

Da rutschte der Mantel aus dem Gürtel, der Tänzer trat darauf, stolperte, verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin.

Der Graf sprang herbei. Mit dem Eifer eines Neubekehrten half er dem Gefallenen aufstehen und schloß ihn in seine Arme.