Pipin lächelte mit Seelenruhe; meine Worte brachten nicht den geringsten Eindruck bei ihm hervor. Er wundere sich, daß ich ihn für so unbeständig und wankelmütig halte. Wie? Vor vierzehn Tagen habe er den Entschluß gefaßt, sich um Eugenie zu bewerben, und heute sollte er ihr schon abtrünnig werden? Weil sie sich einen Nachmittag lang mit anderen mehr abgegeben habe als mit ihm? Das sei zwar schmerzlich für ihn, aber schließlich wäre es doch ungerecht, zu verlangen, daß sie sich mit ihm besser unterhalten sollte als mit Elmenreich und Dr. Kranich, die beide so überlegene Menschen seien –
Gut; nur wisse ich dann nicht, wie er sich die Sache in Zukunft vorstelle, wenn er immer freiwillig jedem »überlegenen Menschen« den Vorrang einräumen wolle –
Nun, was das betreffe, so könne ich doch nicht von ihm glauben, daß er jemals, jetzt oder später, seiner Frau vorspiegeln werde, er selber sei ein überlegener Mensch; oder daß er von ihr verlangen werde, sie müßte ihn für einen überlegenen Menschen halten –
Sehr großmütig gedacht; aber Großmut sei leider nicht immer am Platz –
Großmut? großmütig? Nicht im Entferntesten! Für einen Menschen von seiner Beschaffenheit sei das einfach selbstverständlich, und es wäre höchst lächerlich, wenn er irgendwie anders dächte oder empfände –
Er äußerte das in der That mit einer einfältigen Schlichtheit und Wärme, die noch überzeugender war als seine Worte. Ich faßte ihn bei der Hand und sagte noch einmal eindringlich:
»Pipin, hören Sie auf mich – Eugenie ist keine Frau für Sie! Schlagen Sie sich diesen Gedanken aus dem Sinn, solange es noch Zeit ist!«
Aber da wurde er sehr ernst. »Es ist nicht mehr Zeit, gnädige Frau! Vorgestern abends beim Nachhausegehen – es war sehr finster, ich bot Eugenie meinen Arm, und da – und da sagte ich ihr – wie es um mich steht – das heißt, ich sagte ihr, daß sie über mich befehlen könne, wie über einen Leibeigenen, daß ich jeden Tag und jede Stunde mit Leib und Leben und allem, was ich habe, ihr zur Verfügung stehe, daß ich ihr gehöre für Zeit und Ewigkeit. Ich sagte ihr, daß ich gar nicht die Anmaßung hätte, ihr eine Liebeserklärung zu machen, und daß sie das nicht als eine Liebeserklärung auffassen dürfe; aber wenn ein Tag käme, wenn jemals ein Tag käme, an dem sie mich brauchte oder an mich dächte, oder – oder – an dem sie frei sein wollte von dieser Umgebung zu Hause – oder wie immer – dann brauchte sie nur ein Wort zu sagen und dann würde sie mich zum Glücklichsten, zum Allerglücklichsten aller Menschen machen – und die bloße Vorstellung, daß ein solcher Tag kommen könnte –«
Er hielt atemlos inne. In seiner Stimme waren Thränen; er rang nach Worten und fand keine mehr. Die bloße Vorstellung, daß ein solcher Tag kommen könnte, hatte ihn völlig überwältigt.
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