(Aus einem Briefe.)

18. August 1893.

... Oder hätte dieses Mißverhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen Denken und Handeln, das einem die Gegenwart verleidet, vielleicht zu allen Zeiten bestanden? Und es gäbe Helden und wahre Könige immer nur in der Vergangenheit? In der retrospektiven Betrachtung, wenn das dichterische Bedürfnis der menschlichen Phantasie alles Fehlende ersetzen kann, wenn sich durch die Wirkung der Distanz die eckigen und schlechten Linien des Alltäglichen verwischen, die störenden Details, die so kleinlich und so unmalerisch sind?

Also könnten sie noch Helden künftiger Legenden werden, alle diese Unzulänglichen, die da herumgehen mit großen Gedanken, denen sie nicht gewachsen sind –? Ueber die sie stolpern wie über ihre Mantelschleppe, sobald sie einen Schritt zu ihrer Verwirklichung machen –? Elmenreich hat einmal von dieser Art Menschen gesagt – – aber gehört denn Elmenreich nicht auch zu dieser Art Menschen? Er spielt nur in einer anderen Tonart, er posiert nur mit einer anderen Geberde, aber er posiert auch!

Du siehst, ich bin gegenwärtig so schlecht zu sprechen auf ihn, daß ich lieber gar nicht von ihm reden sollte. Du könntest dich sonst genötigt sehen, ihn zu verteidigen. Wenn du das beiliegende Heftchen durchliest – ich habe für dich das »Fest des ersten Versuches« ausführlich niedergeschrieben – dann wirst du aber selbst den Punkt bemerken, an dem es sich entschied, daß ich über Elmenreich umlernen muß. Ich habe ihn für einen tragischen Menschen gehalten, der durch sein inneres Leben in einen unlösbaren Konflikt mit dem äußeren Leben gebracht wird. Nun – jetzt halte ich ihn nicht mehr dafür. Jetzt glaube ich, daß das Leben nur in seinen Reden schwer und tragisch für ihn ist.

Darüber sollte ich mich eigentlich freuen. Und doch freue ich mich nicht. Ich fühle eher etwas wie Enttäuschung.

Deshalb teile ich auch nicht deine Meinung, daß eine Auseinandersetzung mich ihm wieder näher bringen könnte. Was in aller Welt sollte ich ihm auseinandersetzen? Kann ich ihm sagen: Lieber Elmenreich, Sie sind ja ein ganz anderer Mensch, als ich dachte –?

Und dann! Versuch' einmal, ihm mit Vorwürfen zu kommen! Da hast du schon verspielt. Er übertrumpft dich gleich: »habe ich nicht immer gesagt, daß ich ein ganz gewöhnliches Subjekt bin, ein unerträglicher Kerl, ein Mensch, den man sich drei Schritt vom Leib halten muß –« und so fort. Das ist freilich nur Maske. Im Grunde verletzt es ihn so wie uns Uebrige, wenn man schlecht von ihm denkt, obwohl er jedermann beständig dazu auffordert – – Nein, nein, es giebt keine Reparatur durch Auseinandersetzungen, sobald man von jemandem enttäuscht ist. Was immer zwei Menschen in einem solchen Fall einander sagen: Der eine kann es nicht verzeihen, daß er enttäuscht worden ist, und der andere kann es nicht verzeihen, daß er enttäuscht haben soll ...

»Ja, große Dinge sind im Werk«, sagte Pipin und errötete vor Vergnügen. »Wir haben stundenlange Unterredungen, der Meister, der Graf und ich. Was sagen Sie zu diesem Trifolium, gnädige Frau? Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich zu solchen geistigen Ehren gelangen werde!«