»Warum haben Sie das gesagt?« fragte Pipin vorwurfsvoll. »Eine solche Bemerkung ist doch das sicherste Mittel, ihn zu vertreiben. Und was für ein Glück wäre es, wenn er sich wirklich dafür interessierte!«
Dann erzählte er: Nichts Geringeres habe der Graf im Sinne, als »eine Verbindung mit der übersinnlichen Welt« zu finden. Und zu diesem Zwecke veranstalte er täglich mit dem Meister Uebungen. Ueber diese Uebungen wußte Pipin nichts Näheres; er war noch nicht vorgeschritten genug, um sie mitzumachen, so wurde ihm gesagt. Ein glücklicher Zufall aber habe es gefügt, daß in der Person der Bäuerin dem Meister ein Medium von wunderbaren Fähigkeiten zur Verfügung stehe. Der Graf selbst sage, verglichen mit dieser Frau sei er nur ein bescheidener Anfänger in der Wissenschaft des Uebersinnlichen. Und doch sei der Graf von einer so großen Entschlossenheit und Leidenschaft im Experiment, daß er geäußert habe: »Für eine neue Sensation setze ich jeden Augenblick Leib und Leben auf's Spiel.« Dabei trage er sich mit sehr weitschauenden Plänen. Die Resultate dieser Forschungen sollten nicht das Geheimnis einiger Weniger bleiben: Dem Meister müsse ein Wirkungskreis geschaffen, es müsse ein Weg gefunden werden, auf dem er sich der Welt offenbaren und dazu beitragen könne, sie aus den Wirrnissen der Gegenwart zu erlösen.
Anfänglich dachte der Graf an die Veranstaltung großer Volksversammlungen, in denen der Meister persönlich zum Volke reden und durch die Kraft des gesprochenen Wortes Macht über die Gemüter gewinnen sollte. Denn der Graf – hier wurde Pipin ein wenig unsicher – der Graf teile durchaus nicht die Meinung, daß das Auftreten des Meisters kürzlich kein glückliches gewesen sei. Obwohl er sich über den erhofften Erfolg nach einer gewissen Richtung hin keiner Täuschung hingeben könne, erscheine merkwürdigerweise in seiner Erinnerung das »Fest des ersten Versuches« als eine geradezu epochale Veranstaltung, als eines der ergreifendsten und bedeutendsten Ereignisse seines Lebens, das bei allen Teilnehmern einen unauslöschlich tiefen Eindruck hinterlassen haben müsse.
»Ich bin schon ganz irr an meiner eigenen Erinnerung«, fuhr Pipin fort. »Der Graf ist so durchdrungen von seiner Auffassung, daß er keinen Einwand gelten läßt. Zum Glück will der Meister selbst nicht aus seiner Verborgenheit hervortreten und zeigt sich nur ungern einer größeren Volksmenge.«
Und so hatte Pipin, der durch den Einfluß des Grafen trotzalledem einigermaßen »irr an seiner Erinnerung« geworden zu sein schien, die Gründung einer Zeitung vorgeschlagen, deren spiritus rector Meister Wendl sein solle – eine Idee, die der Graf mit Begeisterung aufgriff. Diese Zeitung sollte das Organ der Vermittlung zwischen dem Meister und der Welt bilden; der Graf wolle auch dafür sorgen, daß sich ein Kreis von schreibekundigen Jüngern um den Meister versammle, damit »alle seine dunklen Worte in eine gemeinverständliche Fassung gebracht und den niedrigeren Intelligenzen verdolmetscht« würden. Ein solches Unternehmen müsse ohne Zweifel das ganze geistige Leben der Gegenwart reformieren; erst jetzt werde die alte Erfindung der Buchdruckerkunst ihre wahre segensreiche Kraft entfalten können, denn das gedruckte Wort reiche ja unendlich weiter als das gesprochene und geschriebene; ein neuer Menschheitsbund, ein Bund der erlesensten Geister werde auf diese Weise ins Leben treten; neue Geisteskräfte, die bisher in der Menschheit geschlummert hätten, würden Gestalt annehmen und zu wirken beginnen ...
Die gräflich Hermosasche Phantasie hatte ein bereitwilliges Gefäß gefunden, aus dem sie nun, erwärmt durch die Flamme dieses naiven Herzens, wieder überfloß. Pipin glaubt, was er sagt, er ist innig überzeugt davon – und doch ist er ein schlechter Apostel. Man hört ihm zu und lächelt. Man lächelt – selbst wenn man ihm so gutgesinnt ist wie ich.
Er bemerkte es und stutzte. »Sie sind also nicht der Meinung, daß eine solche Zeitschrift Erfolg haben müßte, gnädige Frau? Aber wenn zwei Menschen wie Meister Wendl und der Graf die Welt nicht in Bewegung setzen können, wer sollte es dann? Da muß doch was ganz Großartiges zu Stande kommen, nicht? Meinen Sie nicht?«
Ich fand es in diesem Augenblick unmöglich, seinen guten Glauben zu stören. »Warten wir erst, bis die Zeitung herauskommt«, sagte ich ausweichend. »Bis dahin ist ja noch lange Zeit –.«
»Oh nein! Die Vorarbeiten sind weiter fortgeschritten, als Sie denken –«
»Aber einen Verleger oder Herausgeber, kurz einen Menschen, der das Geld dazu hergiebt, werden Sie nicht so leicht finden, fürcht' ich –«