In seiner Herzensfreude hatte Pipin den versprochenen Beitrag schon dem Grafen angekündigt gehabt; wie hätte er ihn jetzt verheimlichen sollen?
So mußte Pipin – nach seinem eigenen Ausdruck »wie ein begossener Pudel –« den Ueberreicher dieses Schriftstückes machen, das doch eine blutige Kränkung, wenn nicht sogar eine Beleidigung des Grafen enthielt.
Natürlich fiel denn auch der ganze Zorn auf ihn. Der Graf maß ihm alle Schuld bei und überhäufte ihn mit Vorwürfen, daß er die Sache schlecht eingefädelt, daß er durch seine Ungeschicklichkeit alles verdorben, daß er mit seiner albernen und lächerlichen Weise Elmenreichs Spott herausgefordert habe. »Madre de Dios!« rief der Graf, »warum habe ich mich dieses Tölpels bedient! Wie konnte ich glauben, daß ein solcher Schafskopf etwas erreichen werde!« Er fluchte und tobte; seine Leidenschaft steigerte sich immer mehr, bis er sich die Haare ausraufte, sich die Kleider vom Leibe riß, sinnlos schreiend im Zimmer herumrannte, die Wasserflasche zertrümmerte und sich geberdete, als hätte er den Verstand verloren.
Als dieser Ausbruch vorüber war, bat er Pipin wieder alles ab, indem er ihn anflehte, auf andere Mittel und Wege zu denken, um Elmenreich zu gewinnen. Wenn Elmenreich eine prinzipielle Abneigung gegen alles Gedruckte habe, wenn er die Zeitung nicht wolle, gut, dann keine Zeitung – Elmenreich möge wünschen, verlangen, befehlen, aber nur in seiner kalten Ablehnung solle er nicht verharren, nicht in seiner haßerfüllten Unzugänglichkeit. »Sagen Sie ihm, wenn er fortfährt, mich von sich auszuschließen, so gehe ich zu Grunde, sagen Sie ihm, er tötet mich, wenn er mich nicht an sich herankommen läßt. Sagen sie ihm, ich will nichts von ihm, als daß er mir seine Nähe erlaube, daß er mich um sich dulde wie einen Hund, den auch Fußtritte nicht verscheuchen. Seinetwegen bin ich hierher gereist, seinetwegen habe ich mich an diesen gemeinen Wirtshaustisch gesetzt, seinetwegen denke ich Tag und Nacht darüber nach, etwas zu veranstalten, womit ich ihn fesseln, womit ich ihm imponieren könnte ...«
Und nachdem auch diese Phase seiner Leidenschaft vorüber war, mußte Pipin versprechen, daß er von alldem Elmenreich gegenüber kein Wort erwähnen werde. Er sollte thun, als wisse er ganz und gar nichts von dem weiteren Schicksal des Beitrages. Denn der Graf habe zum Schlusse den Vorsatz gefaßt, sich selbst mit Elmenreich auseinanderzusetzen.
»So ist es auch in Ordnung«, sagte ich, als Pipin unter großer Gemütsbewegung geendet hatte; »lassen Sie diese beiden ihre Sache allein miteinander ausfechten. Der Vermittler erntet immer nur Undank, wie Sie sehen.«
Aber Pipins Miene heitert sich nicht auf. »Was liegt mir an dem Undank«, sagt er niedergeschlagen. »Was liegt mir selbst an der Freundschaft des Grafen! Etwas ganz anderes steht auf dem Spiel. Hier ist viel mehr zu gewinnen und zu verlieren, als irgend ein Mensch ahnt. O gnädige Frau, wenn Sie alles wüßten! Wenn ich Ihnen alles sagen könnte! Es handelt sich ja nicht bloß darum, diese in die Brüche gegangene Freundschaft wieder herzustellen. Elmenreich – ich weiß nicht ob ich es Ihnen sagen darf –? Aber er hat es mir nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt. Freilich war es in einer Stunde, die zu den heiligsten meines Lebens gehört, und ich kann kaum davon reden, weil immer etwas von dem Schönen und Hohen verloren geht, wenn man eine Sache wiedererzählt. Und nie werde ich ihm vergessen, daß er mir dieses Vertrauen geschenkt hat, daß er mich gewürdigt hat, so tief in seine Seele zu blicken – nie, nie! Auch wenn er zehnmal alles mit Füßen tritt, was mir am Herzen liegt –«
Er faßt meinen Arm und zieht mich ein wenig zu sich. Seine guten blauen Augen sehen mich aus dieser Nähe mit einem so ehrlichen Ausdruck von Bekümmernis und Sorge an!
Und mit einer Stimme, in der eine tiefe Ergriffenheit bebt, erzählt er mir – ja, er erzählt mir, daß Elmenreich mit dem Leben unzufrieden sei, daß er daran denke, sich davon frei zu machen wie von einer Plage und Last. Doch werde er die Entscheidung darüber treffen als ein freier und besonnener Mensch und sich vorher das Leben unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit ein paar Jahre lang ansehen. Dann wolle er ein Ende machen aus freiem Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...
Da war in Pipins Kopf der Plan gereift, Elmenreich zu retten. Pipin konnte nicht unthätig zuschauen, wie ein so überlegener Mensch zu Grunde ging, bloß weil er nichts hatte, woran sein Herz erfreuen. Und es sollte in der großen göttlichen Welt nichts geben, was dieser Seele neue Freude einzuflößen vermöchte? Nichts, was Trost, Hoffnung, Mut zu schenken vermöchte? Nichts, wodurch so hohe Gaben des Geistes zu einer Quelle der Lebensfreude und Menschenliebe werden könnten? Wenn er, der arme, kleine, beschränkte Pipin, schon nichts zu bieten hatte, gab es nicht höhere, weisere, reichere Intelligenzen? Pipin wollte kein Mittel unversucht lassen – und was für zuversichtliche Hoffnungen hatte er auf den Meister und den Grafen gesetzt! Was für Wirkungen hatte er sich versprochen, wenn nur erst Elmenreichs Widerstand gebrochen wäre! Aber es war alles vergeblich; Elmenreich verschanzte sich in seine hohnvolle Unzugänglichkeit, Elmenreich spottete nur, wo die anderen ihren tiefsten Ernst und ihre heiligsten Gefühle hergaben – und so war Elmenreich ein Verlorener, so war er vor dem sicheren Untergang nicht zu retten –