Pipin rang die Hände in aufrichtiger Verzweiflung.
Da konnte ich nicht länger an mich halten.
»Nehmen Sie Elmenreichs Aeußerung nicht so tragisch, Pipin«, sagte ich, ärgerlich darüber, daß ich selbst sie einmal tragisch genommen hatte; »sie ist ja nur ein Repertoirestück von ihm –«
»Was heißt das?«
»Das heißt, daß er sie jedem zum Besten giebt, auf den er Eindruck machen will, oder vielleicht sogar allen, mit denen er einige Zeit beisammen ist. Ich, zum Beispiel, weiß schon seit drei Jahren, daß er das Leben unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit betrachtet, um eines Tages aus freiem Entschluß ein Ende zu machen; andere, die ihn länger kennen als ich, wissen es vermutlich länger. Und noch andere, die er in zwanzig oder dreißig Jahren kennen lernen wird, werden eben um so viel später erfahren, daß er sich noch einige Jahre das Leben »daraufhin« ansehen will –«
In Pipins Mienen malte sich ein unbeschreiblicher Schrecken – er starrte mich mit weitoffenen Augen sprachlos an.
»– Deshalb trösten Sie sich, Pipin. Elmenreich will sich nur Luft machen, will nur seine Gedanken los werden. Wenn er sie ausspricht, wird er sie los. Es genügt ihm, sie ausgesprochen zu haben. Und so braucht er bloß einen Zuhörer; wer der Zuhörer ist, thut nichts zur Sache. Die Person des Zuhörers ist ihm gleichgültig –«
Pipin unterbrach mich. »Guter Gott, Sie sind ja böse auf Elmenreich, gnädige Frau!« rief er außer sich. »Und ich, der ich davon geträumt hatte, in diesem Kreis auserlesener Geister die große, lebenslängliche Freundschaft zu finden! Die wunderbare Harmonie, die alle Gegensätze in Liebe und Freude verwandelt! Aber nicht wahr, das alles haben Sie nur gesagt, um mich zu trösten, um mich glauben zu machen, daß es mit Elmenreich nicht so gefährlich steht? Sie wollten mir in Ihrer Güte nur beweisen, daß an diesem Mißlingen nicht so viel gelegen ist? O dieser arme Elmenreich! Da geht er seit Jahren herum und sucht und sucht denjenigen, der ihm die rechte Antwort geben könnte. Aber niemand giebt sie ihm! Niemand! Und das sollte etwas Beruhigendes sein, daß er noch zwanzig, dreißig Jahre herumgehen wird mit seiner innerlichen Trostlosigkeit, und immer neuen Menschen sein Leiden klagen wird, und immer vergeblich –?«
*
Pipin ging so betrübt davon, daß er seine Schriften auf dem Tische vergaß. Er ließ sie liegen wie etwas, das seine Bedeutung verloren hat und nicht mehr wert ist, daß man die Hand danach ausstreckt. So sind sie in meinem Besitz verblieben.