„Ei! die Geschichte ist sehr merkwürdig und klingt genau, als ob sie nicht wahr wäre.“

„Nicht wahr?“ fuhr der Förster auf; „das haben mir schon viele außer euch gesagt; aber wie werdet ihr staunen, wenn ich euch eine viel merkwürdigere Geschichte erzähle. Ich hatte nämlich einen Vorstehhund — für 200 Taler hätte ich ihn schon vielmal verkauft —, der stand fest wie eine Mauer, und diese Tugend war auch endlich die Ursache seines Todes. Hört nur, ich gehe eines morgens in den Wald, nehme den Hund mit, bekümmere mich aber draußen nicht weiter um ihn; Als ich nach Haus komme, ist der Hund nicht mehr bei mir; er wird

schon nachkommen, denk ich, und gehe ins Forsthaus. Die Nacht vergeht, und ich rufe am Morgen meinen Hund, aber da ist er nirgends zu finden, auch nicht im Walde. Ich streife den ganzen Tag durch die Felder, durchsuche jeden Busch, pfeife und klopfe, aber immer keine Spur von dem Hunde. Der ist gewiß in ein anderes Revier geraten und erschossen worden, denk ich, und konnte das prächtige Tier lange nicht vergessen. Nun aber hört, Herr Gevatter, was geschieht: das Jahr darauf gehe ich wieder im Walde durch das junge Holz. Da sehe ich auf einem kleinen Rasenflecken etwas Weißes und gehe darauf zu, aber — denkt euch meine Verwunderung — wie ich herankomme, sehe ich auf einem Flecke zwölf Vogelgerippe und davor das Gerippe meines Hundes, denn ich erkannte ihn an den doppelten Wolfsklauen. Der Hund hatte also hier eine Kette Rebhühner gestellt, und da diese aus Furcht vor dem Hunde nicht aufzufliegen gewagt hatten, so war das pflichttreue Tier vor und mit ihnen verendet.“

Der Pfarrer schüttelte lachend den Kopf. „Ihr findet das wohl sehr wunderbar, Herr Gevatter?“ fuhr der Förster fort, „und doch das Beste kommt noch. Aus Anhänglichkeit an den treuen Hund lasse ich mir aus einem Beinknochen desselben ein Pfeifenrohr machen, und habe diese Pfeife immer im Walde mit. Da ich einstmals an einem kleinen Gebüsch hingehe und mein Pfeifchen rauche, rückt es mich plötzlich am Munde, so daß alle Zähne knacken. Ich nehme die Pfeife erschrocken aus dem Munde, aber da drückt es mich ebenso stark am Arm und der Hand, womit ich sie halte. Das war mir doch verdächtig, ich schaue die Wiese hinunter, und richtig, hinter dem Gebüsch liegt eine ganze Kette Rebhühner. Nun erst geht mir ein Licht auf; seht, so weit ging die seltene Natur des Hundes, daß der Knochen

seines Beines noch so gut vor den Rebhühnern stand, wie sonst der lebendige Hund. Ja, so was kann nur unsereiner erleben!“

„Nein, das ist doch zu stark, Gevatter,“ sagte der Pfarrer, „Wenn Ihr noch mehr lügt, so fürchte ich, passiert etwas.“

Der Förster geriet über diese Worte ganz in Eifer und beteuerte immer stärker, daß er nur die Wahrheit geredet habe; er könne über hundert Zeugen aufrufen; sie wären nur schwer zusammenzubringen, sagte er.

Als die beiden Gevattersleute eben an der Brotbaude hinschritten, blieb der Pfarrer zufällig einige Schritte zurück. „Gevatter,“ rief er aus, „was schleppt ihr denn da hinter euch?“ —

Der Förster wendete sich um und sah ein langes, haariges Ding sich auf der Erde hinschlängeln. „Es ist ein Zopf,“ sagte der Pfarrer, „und euch eingewachsen.“

„Ja, ein Zopf,“ sprach plötzlich eine Stimme neben ihnen, „und den wirst du tragen, mein Förster, bis du dir das Lügen abgewöhnt hast.“ — Es war Rübezahl, der das sagte, und dann im Walde verschwand. Die beiden Männer standen wie versteinert, bis sich der Pfarrer endlich leise auf den Rückweg machte. Vergeblich suchte der Förster seinen Zopf los zu werden; wenn er ihn abschnitt, wuchs er im Augenblick noch einmal so stark und lang, wie zuvor. Es gab also kein anderes Mittel, um ihn los zu werden, als sich das Lügen abzugewöhnen; das kam ihm freilich sauer genug an, aber was half’s. Er log auch endlich nimmer wieder, denn was der Mensch ernstlich will, das kann er auch. Seit jener Zeit aber besteht die Redensart im Gebirge und ist auch durch das Land bekannt — jemandem einen Zopf machen!