Ludwig betheiligte sich an dem Diebstahle. Es wurde gleich abgemacht, daß bei der Theilung keine Gewinnstufen stattfinden sollten, nur der Knecht mußte sich mit einem Antheile von 50 Rthl. zufrieden erklären.

Gegen 2 Uhr Nachts fuhr die erste Ladung in die ungepflasterte Auffahrt des Wirthshauses. Ludwig begleitete sie, um die Waaren nach Weisung des Wirthes unterzubringen. Während dieser Zeit belud man den schon harrenden Einspänner und berechnete, wann Alles abgemacht sein könnte, als der Wächter laut scheltend und fluchend vor dem Thurme erschien, und mit vielen Schwüren betheuerte, er werde diesen Diebstahl verhindern. Den Dieben trat der Angstschweiß auf die Stirn, zum Glück tobte freilich das Meer, aber der Mann hatte eine gellende Stimme.

»Schweigt, Unsinniger,« sprach der Wirth drohend auf ihn ein, »es ist zu spät, legt Euch und schlaft, Ihr wißt von Nichts!«

»Oho!« schrie der Andere, »ich weiß von Nichts? – wir wollen doch einmal sehen!« und damit ging er trotzig in den Thurm. Wie der Wind war der Wirth hinter ihm her. Aber da klang es schon durch die Nacht hin – Glockenschlag – der Alte hatte die Nothglocke angeschlagen, einmal aber nur, dann mußte er sich beruhigt haben, vielleicht war er in seiner Trunkenheit umgefallen. Es wurde ganz still im Thurme. –

Am andern Morgen verbreitete sich mit reißender Schnelligkeit das Gerücht: der Strandwächter Kraaß sei erdrosselt, und ein großer Theil der Ladung des gestrandeten Schiffes Hieroglyph gestohlen.

Einer von denen, die durchaus dieses Gerücht nicht glauben konnten, war der Wirth in Pranbeck, und als sich die Thatsache dennoch herausstellte, war er eifrig damit beschäftigt zu beweisen, daß Seeleute dies Verbrechen verübt haben müßten. Trotz seines Unglaubens und seiner Gründe wendete sich aber der Verdacht sehr bald gegen ihn selbst, und acht Tage nach jener schrecklichen Nacht ward er, die beiden jüngern Grenzbeamten, sein Knecht und Ludwig Schmidt, der bei ihm arbeitende Tischlergesell, auf einem Wagen nach der nächsten Kreisstadt eskortirt. Die Gefangenen waren gefesselt und zwei Gensdarmen begleiteten sie.

In dieser Zeit war es, als die alte Mutter im Waldhause so vergeblich und unruhig auf einen Brief von ihrem Sohne wartete. In dieser Zeit beugte sich auch ein Mensch, der lange Zeit mit seinem Gotte unzufrieden gewesen war, und ihn gemeistert hatte, mit durchgreifender Zerknirschung tief, tief in den Staub. Gleich in dem ersten Verhöre hatte er seine Schuld gestanden; vom Morde wußte er nichts. Das mußte aber erst erwiesen werden; zwei der andern Gefangenen gingen gerade so weit wie Ludwig, des Diebstahls bekannten sie sich schuldig, des Mordes nicht, und der Wirth und sein Knecht wollten anfangs sogar von gar keiner Schuld wissen, die gefundenen Sachen waren rechtmäßig erworbene Lagervorräthe, alle erschwerenden Umstände des Verdachtes beklagenswerther Zufall. –

In seiner einsamen Zelle erschienen Ludwig am Tage und in den langen schlaflosen Nächten liebliche und doch so schmerzenbringende Bilder. Seine Jugendzeit, das stille, heimische, so oft verachtete Haus, besonders aber die Mutter mit ihrer reichen Liebe, ihren Thränen und ihren tausend Opfern. Auch seine stolzen Gedanken von früher und alle seine hohen Versprechungen kamen zurück und sahen ihn höhnend an. Dann hätte er laut aufschreien mögen, zu qualvoll war's, zu schrecklich!

»O Mutter, Mutter!« rief er laut. – Der Schlüssel klirrte im Schlosse, die Thür ging auf, Ludwig raffte sich auf vom Boden, er hatte auf den Knien gelegen, aber er stieß einen furchtbaren Schrei aus, verhüllte sein Antlitz und beugte es ganz hinab, daß es nichts mehr sehen konnte, auch all sein Elend nicht zeigte. Seine Mutter stand ja vor ihm, wirklich vor ihm, bleich und liebevoll, weinend ihm entgegen lächelnd. Sie streckte auch die Arme aus, aber wie hätte er es wagen dürfen, dahinein zu sinken, er, der Verbrecher im Kerker, in die Arme dieser Mutter!

Aber hatte der Anblick die Mutter denn getödtet? Er hörte ja nichts von ihr, kein Wort, keine Bewegung. Er mußte es wagen, seine Augen zu ihr zu erheben. Da lag sie auf ihren Knien, und ihre Hände und Blicke und ihr ganzes Herz waren nach oben gerichtet, und ihre Lippen bewegten sich ganz leise. Da das der Sohn sahe, wand er sich kniend zu ihr hin und reichte ihr die heilige Schrift, wie sie da aufgeschlagen gelegen hatte, und deutete mit dem Blicke auf eine Stelle, die er täglich wohl hundert Mal gelesen und immer wiederholt hatte. Und die Mutter warf nur einen Blick hinein, und dann sprach sie laut und klangvoll, daß das Herz des Sohnes erbebte: »Herr Gott, Dich lobe ich; dieser mein Sohn war todt und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden!«