Aber die kleine Rosa merkte nicht, daß jemand sie so böse ansah. Munter trippelte sie drauflos und hielt dabei mit beiden Händen ihr buntes Holzpüppchen fest.

Immer ärgerlicher wurde das Gesicht des Mondes, denn die kleine Rosa ging nun geradeswegs auf den Brunnen zu.

Er schnitt dem Kinde die bösesten Gesichter, furchte die Stirne, runzelte die Brauen, öffnete den Mund ganz weit. Es half alles nichts.

Klein Rosa stieg auf den Rand des Brunnens und deutlich hörte er sie sagen: »Ein Englein möchte ich haben, ein richtiges mit Flügeln, das fliegen kann. Liebes Engelbrünnlein, mache mir aus meinem Püppchen ein Engelein.« Dann beugte sich die kleine Rosa weit vor, gab ihrem Püppchen einen Kuß und tauchte es vorsichtig ins Wasser.

Der Mond aber war nun gar nicht mehr böse. Nein, er lächelte liebevoll und gütig und sandte einen seiner silbernen Strahlen aus, daß er dem Kinde helfe. Und siehe da, der Strahl tauchte in den Brunnentrog, berührte leise das Holzpüppchen, und als die Kleine die Puppe wieder aus dem Wasser hob, hatte sie schöne, goldene Flügel am Rücken. Laut jubelte das Kind und erzählte es dem Monde, den Wolken, den Bäumen, den schlafenden Häusern: »Ich habe ein Englein, ein richtiges Englein! Mein Püppchen ist ein Englein geworden!«

Und sie nahm das Englein in beide Hände und rief: »Englein flieg! Englein flieg!«

Aber das Englein flog nicht. Es war eben doch nur ein Puppenenglein – kein Menschenenglein. Und soviel die Kleine es auch in der Luft schwang – es rührte sich nicht und die goldenen Flügel blieben unbeweglich.

Da weinte die kleine Rosa bitterlich.

Das hörte der alte Nachtwächter des Dorfes und kam so schnell herbeigelaufen, wie es seine schweren Stiefel und das mächtig große Tuterohr erlaubten.