Die Mutter aber trat zu den alten Leuten und bat: »Gebt mir das Spielzeug, wenn es irgend geht. Ihr tut ein gutes Werk. Gott wird es Euch lohnen. Meine kleine Hilda hat vor wenigen Wochen ihr einziges Schwesterchen verloren. Seitdem hat sie das Lachen und Spielen verlernt. Verkauft mir das Püppchen, damit sie wieder eine Freude hat.« Da legte das alte Mütterlein dem Kinde die Puppe in den Arm und die kleine Hilda war glückselig und lachte. Als die Mutter mit dem Kinde das Obstschiff verlassen hatte, fanden die alten Leute im Strickkorbe des Mütterchens eine Menge Goldstücke, welche die Dame zum Dank heimlich hineingetan hatte. Da freuten sie sich und der Greis sprach: »Nun können wir endlich unser altes, morsches Schiff wieder ausbessern. Das Englein hat uns doch großes Glück gebracht.« »Und,« sagte das Mütterchen, »und das arme Kindchen hat eine Freude und lacht nun wieder.«
Am glücklichsten aber war klein Hildes Mutter, denn ihr kleines Mädchen vergaß nun über dem lieblichen Puppenengel den Kummer über die gestorbene kleine Schwester. Klein Rosas Püppchen mußte immer bei ihr sein, bei Tag und bei Nacht und wenn andere Kinder ihre gewöhnlichen Puppen, die keine Flügel hatten, spazieren trugen, hielt Hilde stolz ihr Englein im Arm und ließ die Sonne auf seine goldenen Flügel scheinen. Die glänzten und glitzerten und erfüllten die Herzen der anderen Kinder mit Neid. Davon merkte die kleine Hilde in ihrer Freude garnichts, bis sie eines Tages hörte, wie ihre Gespielen hinter ihr hersangen:
»Ein Englein, das kann nur liegen!
Hat Flügel und kann nicht fliegen!«
Dabei lachten sie laut und schadenfroh.
Das tat Hildes kleinem Herzen sehr weh. Immer wenn sie ihr Püppchen herzte und mit ihm spielte, tönte es ihr im Ohr:
»Ein Englein das kann nur liegen!
Hat Flügel und kann nicht fliegen!«
Dann wurde sie traurig und flüsterte: »Englein, flieg! Nur ein einzigesmal, flieg, mein Englein!«
Dabei hob sie das Püppchen hoch in die Luft.
Aber, wer nicht flog, weil es ja nicht konnte, war das Engelspüppchen.