Als dann ein großer Sturm über die Stadt dahinbrauste, Schornsteine und Fensterladen zerschlug und Bäume entwurzelte, da öffnete Hilde ganz heimlich das Fenster, hielt ihre Puppe hinaus und rief: »Nun wird's schon gehen, Englein, flieg!« Und ehe sie sich's versah, riß der Sturm ihr ihren Liebling aus der Hand. Nun flog das Englein, aber nicht in die Höhe, wie richtige Engel es tun in den grauwolkigen Himmel hinein. Nein, es drehte sich ein paarmal in der Luft und flog dann, plumps! in die Tiefe, mitten auf den Schoß des Königs, der gerade vorüber fuhr.
Der erschrack sehr, sprang vom Wagensitz in die Höhe und rief dem Kutscher zu: »Halt! So halt doch Friedrich!«
Der Kutscher griff schnell in die Zügel – die Rosse standen still.
Im selben Augenblick stürzte dicht vor den Pferden ein hohes, steinernes Tor durch die Gewalt des Sturmes zusammen. Das hätte den König erschlagen, wenn er einen Schritt weiter gefahren wäre. Und er wäre weiter gefahren, wenn nicht das Puppenenglein ihm in den Schoß gefallen wäre.
»Du bist mein kleiner Lebensretter,« rief der König und hielt das Püppchen hoch, daß jeder es sehen konnte und das Volk jubelte und jauchzte.
Der König aber suchte mit den Augen in der Höhe, um zu sehen, woher das Englein wohl gekommen sein mochte. Da erblickte er klein Hilde weinend am Fenster stehend und winkte ihr, herabzukommen.
Schnell, schnell kam das Kind die Treppe heruntergelaufen und knixte vor dem Könige. Nun mußte es ihm die ganze Geschichte erzählen und als der König erfuhr, daß Hilde ihr Englein hatte fliegen lehren wollen, da lachte er herzlich und sprach: »Mein liebes, kleines Mädchen, dies Puppenenglein lernt das Fliegen nie, aber ich schenke Dir eine große, schöne Engelspuppe, die fliegen kann. Die sollst Du Dir am nächsten Weihnachtsabend bei mir im Schlosse holen.
Meinen kleinen Lebensretter mußt Du mir aber dafür lassen, nicht wahr, der darf mich nie mehr verlassen, solange ich lebe.«
Hilde nickte dem König selig zu und lief schnell zur Mutter, um ihr zu erzählen, was der König ihr versprochen hatte. Der fuhr vergnügt nach Hause in sein herrliches Schloß. Dort ließ er seinen Hoftapezier zu sich rufen, der mußte über des Königs Bett einen Himmel aus hellblauseidenen Wolken anbringen und das Englein darin schwebend befestigen.