Der Wundergarten.
Brüderlein und Schwesterlein lebten in einer niedrigen Hütte mit Vater und Mutter. Brüderlein half dem Vater im Walde das Holz zu sammeln und es nach Hause zu fahren. Oder er lief mit ihm weit, weit über Land um Obst, Kartoffeln und Gemüse einzuhandeln und an andere Leute zu verkaufen. Schwesterlein aber blieb bei Mutter in der Küche, trocknete Schüsseln und Teller ab, schälte Kartoffeln und kehrte sogar schon die einzige Stube des Häuschens mit einem großen, struppigen Besen aus.
Wenn die Kinder fleißig gewesen waren, ging es ans Spielen. Dann holte Brüderlein seinen alten Baukasten hervor und baute die herrlichsten Festungen und Schlösser.
Schwesterlein legte ihr Püppchen »Wunderhold« zu Bett in eine große Zigarrenkiste ohne Deckel und sang ihm ein schönes Wiegenlied vor. War es aber Sommer und die Sonne schien so schön warm, dann spielten die Kinder auf der Wiese vor dem Häuschen und sprangen vor Freude in die Luft und wälzten sich im Grase und die Eltern freuten sich und lachten mit ihren Kindern um die Wette.
Nicht weit von dem Häuschen zog sich eine lange, hohe weiße Mauer hin. Herrlich grünende und blühende Bäume sahen stolz über dieselbe hinweg zu den Geschwistern herunter. Mal neigten sie vornehm kühl das Haupt, mal nickten sie den Kleinen freundlich zu. Auch flüsterten die Bäume eifrig miteinander. Sonst schien sich hinter der weißen Mauer nichts Lebendes zu regen. Eines Tages aber hörte Brüderlein mitten im Purzelbaumschlagen auf, setzte sich aufrecht ins Gras, hob den Zeigefinger in die Höhe und lauschte. Schwesterlein sprang vom Boden auf, ließ alle Blümlein aus ihrer Schürze fallen und flüsterte: »Horch!«
Aus dem Nachbarsgarten scholl jubelndes, seliges Kinderlachen. Da faßten die Geschwister sich an den Händen, liefen zur Mauer hin und versuchten dieselbe zu erklettern. Oh weh, es wollte nicht gehen! Vater und Mutter, die ihnen sicher geholfen hätten, waren fort auf Arbeit.
Endlich gelang es aber doch. Brüderlein nahm Schwesterlein auf seine Schultern, so daß es leicht hinaufsteigen konnte, und dann zog Schwesterlein Brüderlein an den Händen hinauf. Da saßen sie nun unter dem grünen, wehenden Blätterdach und sahen den ganzen blühenden Garten vor sich und den plätschernden Springbrunnen und die lachenden Kinder und waren stumm vor Staunen. Da waren kleine Knaben in weißen Höschen, die spielten mit einem prächtigen großen Hunde. Und kleine Mädchen in seidenen Kleidern schlugen mit blinkenden Schlägern nach rosenroten, himmelblauen und goldgelben Federbällen.
Dann sprangen sie lachend auf eine Bank zu und jedes Mädchen nahm zärtlich eine große Puppe mit blonden Locken in den Arm und tanzte mit ihr auf dem grünen Rasen. Und die Sonne schien noch schöner als sonst und die Vögel jubelten wie noch nie und als dann aus der Ferne eine silberne Glocke rief und die fremden Kinder ihr Spielzeug ergriffen und davon schwebten – nur der Springbrunnen weiterplätscherte und die Bäume leise flüsterten, sahen Brüderlein und Schwesterlein sich ganz verdutzt an und glaubten, daß alles nur ein Traum gewesen wäre, und rutschten von der Mauer wieder herunter. Schwesterlein nahm sein Püppchen in den Arm, deren Kopf nur eine Kartoffel und deren Kleid ein Stück von Mutters Schürze war, und Brüderlein spielte mit den Karnickeln und waren seelenvergnügt. Am nächsten Tage scholl wieder das fröhliche Kinderlachen aus dem Nachbarsgarten zu ihnen herüber und wieder erkletterten sie die Mauer und erblickten die gleiche Herrlichkeit. Und so geschah es mehrere Tage fort. Da wurden die Kinder traurig, wenn sie in ihr ärmliches Heim zurückkehrten. Ihre billigen Kleider gefielen ihnen nicht mehr und an Puppe »Wunderhold« mit dem Kartoffelkopf und an dem alten Baukasten hatten sie keine Freude mehr. Sie erzählten nun den Eltern, was sie von der Mauer aus gesehen hatten. Und Brüderlein fragte: »Vater, warum haben es die Kinder so himmlisch schön?« Und Schwesterlein sagte: »Wie können denen ihre Puppen so schöne blonde Locken haben und Wunderhold hat keine!«