Da sah Mutter sehr traurig aus und Vater meinte: »Glück muß man haben, Kinder. Wer das Glück zu finden weiß, der hat's gut.«

Da gingen die Kinder aus, das Glück zu suchen. Jeden Nachmittag, wenn die Eltern zur Arbeit fort waren, schlichen sie sich leise aus dem Hause und liefen querfeldein und suchten und suchten, bis sie müde wurden und die Füße ihnen wehe taten. Das Glück hatten sie nirgends gesehen.

So gelangten sie eines Nachmittags in eine unbekannte Gegend. Still war es dort – keine Seele war zu sehen. Sie standen vor einer hohen goldenen Gittertüre. Die öffnete sich lautlos ganz von selber und ließ die Kinder ein. Staunend traten sie in einen herrlichen Garten, der war noch viel, viel schöner als der Nachbarsgarten zu Hause und, was das Schönste war, Brüderlein und Schwesterlein waren die einzigen Kinder darin. »Hier ist unser Glück!« flüsterte Brüderlein. »Ja, ja, unser Glück!« stammelte Schwesterlein. Und sie nahmen sich bei der Hand und gingen von Blume zu Blume, von Busch zu Busch. Und sie betrachteten sich im Spiegel des Sees und schämten sich ihrer schlechten Kleider. Sie behängten sich mit blühenden Ranken und siehe da – es wurden schöne seidene Kleider daraus. Und sie legten große grüne Blätter auf ihre Köpfe und diese wurden die allerschönsten Hüte.

»Das Glück, das Glück!« jubelten die Kinder. »Hier ist unser Glück!«

Und sie nahmen einen Apfel vom Boden und spielten damit und siehe da – er wurde ein goldener Ball. Und sie bliesen die Samen der weißen Pusteblumen in die Luft und siehe da – sie wurden rosenrote, himmelblaue und goldgelbe Federbälle. Mit einem dürren Zweiglein schlugen sie darnach und es wurde zum blinkenden Schläger. Endlich wurden die Kinder aber müde und setzten sich und Schwesterlein seufzte: »Hätte ich doch eine Puppe!«

Da nahm Brüderlein einen Apfel, steckte ihn auf ein Hölzlein und umwickelte es mit Schwesterleins Tüchlein. »Da, da hast Du eine!« sprach er. Kaum aber hatte Schwesterlein die Puppe im Arm, da schlug diese große, blaue Augen auf, die grünen Aepfelwänglein färbten sich rosig. Blonde Locken umringelten das Wachsköpfchen und Schwesterlein hatte nun eine ebenso schöne Puppe wie die kleinen Mädchen im Nachbarsgarten. Das war ein Glück! Die armen Kinder waren ganz betäubt und saßen wie Prinz und Prinzeßlein inmitten all des herrlichen Spielzeuges. Tiefer sank die Sonne und wollte bald der Welt gute Nacht sagen. Da erschrak Schwesterlein sehr, zupfte Brüderlein am Aermel seines weißen Wämsleins und rief: »Mutter!« und Brüderlein sprang auf und sah verstört um sich und schrie mit lauter Stimme: »Vater, Vater!«

Schnell packten sie die goldenen Bälle, die Federbälle, die Puppe in ihre Röckchen und liefen, was sie laufen konnten, zum goldenen Tor zurück. Lautlos öffnete dasselbe sich vor ihnen, aber – als sie hindurchgeschlüpft waren, fiel es hinter ihnen mit lautem »Bum« zu. Im selben Augenblick fielen die herrlichen, seidenen Kleider von ihnen ab. Zu ihren Füßen lag statt der schönen Lockenpuppe die häßliche Puppe mit dem Apfelkopf, und statt der goldenen Bälle kollerten grüne Aepfel von dannen. Von den bunten Federbällen war nichts mehr zu sehen, aber in der Luft drehten sich ein paar feine, kleine Samenpinselchen der Pusteblume. Aus war's mit der ganzen Herrlichkeit – mit dem endlich gefundenen Glück. Betrübt kamen die Geschwister zu Hause an und waren nun noch trauriger über ihre ärmlichen Kleider und das schlechte Spielzeug, als bevor sie in dem Wundergarten gewesen waren.

Sie wanderten auch noch öfters dorthin, freuten sich der seidenen Röckchen, des schönen Spielzeugs, aber immer wieder trieb die Sehnsucht nach den Eltern sie abends heim. Jedesmal aber mußten sie alle ihre herrlichen Schätze dort zurücklassen und die armen Kinderlein bleiben.

Da fielen ihnen die glücklichen Nachbarskinder wieder ein und sie dachten, ob sie wohl auch alle ihre schönen Sachen wieder hergeben müßten, wenn die silberne Glocke sie am Abend zu den Eltern zurückriefe.

Um dies zu erfahren, kletterten sie wieder mal auf die Mauer hinauf und sahen mit neidischen Augen dem Spielen der Kleinen zu. »Dürft Ihr das alles behalten?« fragte Brüderlein.