Es fehlet uns nur noch diejenige Stampiglie, welche dem Sigillum maximum des heiligen Bürokrazius entsprechen würde. Selbige Stampiglie wäre aber den Menschen, die sich vor den Einrichtungen des heiligen Bürokrazius ehrfurchtsvoll beugen, ganz besonders feierlich aufzudrücken. Sie wäre ihnen aufzudrücken auf ihren sterblichen Leichnam anselbsten. Sie wäre ihnen in memoriam Sancti Bürokrazii aufzudrücken auf denjenigen Teil ihres corporis humani, allwo auch der heilige Bürokrazius den Verstand sitzen hatte. Und diese Stampiglie, dieses Sigillum maximum Sancti Bürokrazii hätte in feierlichen Lettern nur das einzige Wort zu tragen: „Rindviech!“
[ Wie der heilige Bürokrazius seine Jünger belehrte.]
Nachdem der heilige Bürokrazius solchergestalt für das Wohlergehen der Menschen in unablässiger Mühsal gesorget hatte, war sein eifrigstes Bestreben, auch recht zahlreiche Jünger anzuwerben, welche sein Erbe ungeschmälert erhalten und verwalten sollten, wenn es dem Himmel eines Tages gefallen würde, ihn aus diesem irdischen Jammertale zu der ewigen Herrlichkeit gnädigst abzuberufen.
Sein heiliger Kollege und Stallknecht, der Amtsschimmelmistsachverständige Sankt Stultissimus konnte dem heiligen Bürokrazius für die Dauer seines Erdenwallens nicht genügen, sintemalen Sankt Stultissimus sich immer mehr auf sein spezielles Fach, die Kultur des Roßmistes verlegte und den übrigen weltumfassenden actionibus Sancti Bürokrazii nicht immer das genügende Verständnis entgegenbrachte. So wäre es füglich wohl nicht anzunehmen gewesen, daß dieser roßmistsachverständige Heilige jemals auf die umwälzende Erfindung der Stampiglien gekommen wäre.
Es wäre aber auch ungerecht, solches von dem durch unsterbliche Verdienste gesegneten Heiligen zu verlangen. Ist es doch dem heiligen Sankt Stultissimus zu verdanken, daß der Amtsschimmel in unverlöschter Gloria und eiserner Gesundheit lebet und gedeihet und daß sein Mist sich in erhabenen Mengen vermehret, was schon für das Dekoktum des respektvollen Ergebenheitstränkleins von unermeßlichem Werte ist.
Der Schreiber dieser Legende hat es dahero für notwendig befunden, dem heiligen Stultissimus in hoc loco egregio, an dieser hervorragenden Stelle ein besonderes Ehrenkränzel zu flechten, bevor er sich in die Beschreibung der anderen Heiligen aus dem Kreise des heiligen Bürokrazius des näheren einlasset.
Denn schließlich und endlich war der heilige Stultissimus der erste Heilige, der sich Sankt Bürokrazio zugesellte. Der andächtige Leser wird sich noch des wunderbaren Zusammentreffens zwischen den beiden Heiligen erinnern und Sankt Stultissimum schon von dieser Schilderung her tief in sein Herz geschlossen haben. Wie denn auch Schreiber dieser Legende seiner mit innigster Liebe gedenket und sein Bildnis in der im weiteren Verlaufe dieser Legende zu eröffnenden Galleria der Heiligen um den heiligen Bürokrazius primo loco aufhängen will.
Bevor aber scriptor hujus vitae sanctorum dich geneigten und großgünstigen Leser als kunstbeflissener und gewissenhafter Kustode in die Bilder-Galleria geleitet, allwo die größten heiligen Jünger Sancti Bürokrazii abkonterfeiet hängen, muß er dir zum besseren Verständnis derer Picturen zuvörderst noch vermelden, wie der heilige Bürokrazius seine Jünger belehret hat.
Es sprach aber der heilige Bürokrazius zu seinen Jüngern, als er dieselben um sich versammelt hatte, folgendermaßen ... Hocket euch auf eure Sitzflächen, wie ich auf der meinen hocke, und erfasset meine Worte in meinem Geiste und in meiner heiligen Art zu denken!
Bedenket zunächst, was ist das liebe Publikum? Das liebe Publikum ist nichts als eine blöde Herde ohne Verstand und geistige Fähigkeiten. Sonst würde es euch längst verprügelt haben. Habt ihr aber je gehöret, daß eine Viehherde ihren Hirten verprügelt? Das habt ihr niemals gehöret. Also stehet das liebe Publikum auf dem Standpunkte des lieben Viehes und in mancherlei Dingen auf einem noch viel tieferen Standpunkte. Sintemalen jedoch jegliches Vieh, das wir in unseren Ställen halten, ein Nutzvieh sein muß, so ist auch das liebe Publikum euretwegen als Nutzvieh auf Erden und nicht ihr des lieben Publikums wegen. Ihr seid es, die ihr Hü und Hott rufet, und das liebe Publikum hat es gelernet, eurem Rufe zu gehorchen.