Ein neuer Gast war jetzt schon seit geraumer Zeit an dem Honoratiorentisch. Das war Doktor Storf, der sich selbständig gemacht hatte und ein sehr gesuchter Arzt geworden war. Böse Mäuler behaupteten zwar, dies verdanke er keineswegs seiner ärztlichen Kunst, sondern seinem hübschen Äußeren.
Tatsächlich hatte Doktor Storf vorwiegend Damen zu Patienten. Weil die Menschen schon einmal bösartig sind und gerne Unrat wittern, auch dort, wo keiner zu finden ist, so hieß es allgemein: seit Doktor Storf seine Praxis ausübe, gebe es ungewöhnlich viele kranke Damen in Innsbruck.
In Wirklichkeit konnte man jedoch dem jungen Arzt nichts Schlechtes nachsagen. Selbst die schärfsten Beobachter und Beobachterinnen hätten ihre schwere Mühe gehabt, auch nur den geringsten Anhaltspunkt dafür zu entdecken, daß Doktor Storf für eine andere Frau, außer für seine eigene, Sinn und Auge gehabt hätte.
Trotzdem machte Frau Hedwig jedermann den Eindruck, als habe sie Schweres in ihrer Ehe zu erdulden, als trüge sie das Leben wie eine harte Bürde, von der sie bald Erlösung hoffte. So glücklich der Rechtsanwalt durch seine Heirat geworden war, so elend und unglücklich fühlte sich Max Storf.
Das stille, gleichförmige Glück, das er erhofft hatte, als er Hedwig Eisenschmied zur Gattin nahm, war so still und so gleichmäßig geworden, daß ihm das Leben neben dieser Frau erschien wie eine endlose graue Wüste. Ohne Freude, ohne Glück, ohne Empfinden und ohne Gemüt.
Sie waren nun schon sechs Jahre miteinander verheiratet, und der kleine, schwarzäugige Junge, der dem Vater so ähnlich sah, daß es fast lächerlich wirkte, hatte erst vor kurzem ein Schwesterchen bekommen. Schwarz und dunkeläugig wie er selber. Diese beiden Kinder waren das Glück des Vaters und die stete nervöse Sorge der Mutter.
Frau Hedwig lebte nur für ihre Kinder. Sie ging vollständig auf in ihren Mutterpflichten und Hausfrauensorgen und hatte wenig Sinn für andere Dinge, die außerhalb dieser Sphäre lagen.
Doktor Storf hatte sich redlich bemüht, seiner Frau innerlich nahe zu kommen. Er hatte eine große, drängende Sehnsucht, nicht allein durchs Leben zu gehen, sondern seine Frau als Weggenossin zu besitzen. Sie sollte ihm nicht nur Weib, sondern auch Freund und Kamerad sein. Aber Frau Hedwig verstand den Wunsch ihres Gatten nicht.
Sie lebte ja für ihn, jedoch auf ihre Weise. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend sorgte und schaffte sie. Es war ein tadellos geführter Haushalt, in dem das junge Paar weilte. Ein feines, geschmackvolles Heim, das so recht den Eindruck von Gemütlichkeit und Behaglichkeit machte.
So behaglich jedoch die Räume anzusehen waren, so ungemütlich war es in ihnen, wenn Mann und Frau sich allein gegenüber saßen. Der Zeitpunkt, wo die beiden jungen Leute sich nichts mehr zu sagen hatten, war schon recht bald gekommen. Eine gähnende Langeweile und Öde herrschte da in den Abendstunden, wenn die Kinder schliefen und sich die Gatten allein überlassen waren.