Die Müdigkeit, die sich bei der rastlos tätigen Frau einstellte, war ja erklärlich, erregte aber den Mann derart, daß er Hut und Stock nahm und ins Gasthaus lief. Oder er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Frau Hedwig konnte sich die Ursache dieser Gereiztheit nicht deuten.
Als er sich ihr gegenüber nach einer heftigen Auseinandersetzung einmal in ziemlich unverblümter Weise aussprach, da begriff sie ihn nicht. Sie stand vor ihm wie ein verschüchtertes Kind, das man mit Unrecht gescholten hat und das sich nicht zu verteidigen wagt.
Ihre hellen Augen füllten sich mit Tränen. Sie konnte es nicht fassen, daß Max unzufrieden mit ihr war. Daß er noch mehr von ihr erwartete, als eine brave, tüchtige, arbeitsame Frau und eine aufopferungsvolle Mutter ihrer Kinder, war ihr ein Rätsel.
Es kränkte sie, daß er ihren Wert nicht richtig einschätzte, und es tat ihr weh, als sie sah, wie er sich ihr mehr und mehr entfremdete.
Sie tat jedoch nichts dagegen. Sie suchte nicht die Ursachen zu ergründen, weil sie dieselben überhaupt nicht verstehen konnte. Sie war so vollständig davon überzeugt, daß sie vom Schicksal dazu ausersehen sei, in einer unglücklichen Ehe zu leben, daß sie ohne Murren still und ergeben ihr Los ertrug.
Hedwig Storf war eine phlegmatische Natur. Träumerisch, wie sie als Mädchen war, so lebte sie auch als Frau. Sie hatte keinen Funken Leidenschaft in sich; denn sonst hätte vielleicht die Eifersucht sie auf die richtige Fährte gelenkt. So fehlte ihr auch der feine Instinkt des Weibes, der ihr das Gefühl dafür verliehen hätte, daß sie durch ihr Benehmen den Gatten geradewegs in die Arme einer andern Frau trieb.
Sie bemerkte es auch gar nicht, daß Max Storf sich in allerneuester Zeit sehr zu seinem Vorteil veränderte. Er war nicht mehr so unfreundlich zu ihr wie früher und nicht mehr so gereizt. Er sprach gut und nachsichtig mit ihr, wie schon lange nicht.
Aber Frau Hedwig hatte auch dafür kein Gefühl. Sie war herzlich froh, daß ihr Gatte nun wieder eine bessere Laune besaß und daß er offenbar zufriedener mit ihr geworden war. Das genügte ihr.
Wenn Max Storf jetzt abends mit einem flüchtigen Kuß von ihr Abschied nahm und lustig pfeifend aus dem Haus ging, so war sie herzlich erfreut darüber. Froh, daß sie nun ruhen und sich erholen durfte. Sie wollte nichts als Ruhe. Sie war ja so müde. Und im Gefühl des grenzenlosen Ruhebedürfnisses vergaß sie darauf, sich zu kränken, daß Max sie nun jeden Abend, den Gott gab, allein ließ und seinem Vergnügen nachging.
Frau Doktor Rapp aber, die Gattin des Rechtsanwalts, wartete weit draußen vor der Stadt im Schutze der Dunkelheit auf ihren Geliebten Doktor Max Storf.