Neuntes Kapitel.
Felix Altwirth war ein richtiger Künstler geworden. „Einer von die ganz G’scheiten, wissen’s ...“ wie sich die Apothekerin auszudrücken pflegte, wenn man sich bei ihr nach dem Neffen erkundigte. Sie sprach jetzt gern und mit Stolz von Felix und machte sich mit Vorliebe wichtig, wenn sie ihre Kenntnisse in künstlerischen Angelegenheiten auskramte. Ihre Stimme hatte dann jedesmal einen ganz besonders tiefen und speckigen Klang. Das kam von der inneren Selbstzufriedenheit, die Frau Therese Tiefenbrunner empfand. Sie bildete sich ordentlich etwas ein auf ihren Neffen.
Seit ihre Schwester drüben in der Kothlacken so plötzlich gestorben war, fühlte Frau Therese Tiefenbrunner sich verpflichtet, Mutterstelle an Felix zu vertreten. Das hatte sie ihm auch gleich gesagt, als er damals nach dem Tode seiner Mutter zu kurzem Besuch gekommen war.
Es war schnell gegangen mit der Witwe Altwirth. Eine heftige Lungenentzündung hatte die robuste Frau aufs Krankenlager geworfen, und der Tod hatte brutal sein Opfer gefordert. Es war ein Ende, wie es sich die einfache Frau stets gewünscht hatte. Ohne viel Aufhebens, ohne lange Qual, rasch und gut.
Die Witwe Altwirth hatte ihren Sohn nicht mehr gesehen. Sie erlebte auch das Ende seiner künstlerischen Studien nicht mehr. Die Berichte, die sie von ihm erhielt, waren ja immer günstig. Es ginge vorwärts mit seiner Kunst, schrieb er, nur noch kurze Zeit, dann würde er selbständig sein. Diese kurze Zeit hatte Frau Susanne Altwirth nicht mehr abwarten dürfen.
Es war eine stete Sorge um das Schicksal des Sohnes, die insgeheim an der Frau zehrte. Und ohne bange Sorgen um die Zukunft ihres einzigen Kindes war sie auch nicht gestorben. In den Stunden, die ihrem Todeskampf vorangingen, hatte sie ihre Schwester zu sich rufen lassen und Frau Therese ihre Seelenangst gebeichtet.
Angesichts des Todes löste sich die starre Zurückhaltung, die sie immer gewahrt hatte, und schwand auch die letzte Spur eines Mißverständnisses, das die Schwestern je im Leben getrennt hatte. Susanne Altwirth wußte, daß sie in ihrer Schwester den einzigen Menschen auf Erden besaß, auf den sie sich verlassen konnte.
Es war erschütternd, wie das knochige, hagere Weib sich mühsam in ihrem bescheidenen Bette aufrichtete und bittend ihre schwieligen Arbeitshände faltete, als Frau Therese Tiefenbrunner in die Stube trat.
„Gelt, Thres,“ sagte sie flehend, und ihr Atem keuchte, „versprich mir’s, daß du mir’n nie verlaßt, den Felix. Nie ... verstehst!“ Angstvoll sahen die fieberglühenden Augen der Todkranken auf die Schwester. „Weißt, i muß dir’s sagen, bevor i sterb’. Es laßt mir koa Ruh nit. Der Felix ist wie sein Vater. Hat koan Halt nit im Leben und braucht a Führung und a Leitung. Mi hat ja nur der Tod vor viel Unglück beschützt. I hab’ mir’s oft denkt, aber zugeben hab’ i’s nit wollen, woaßt wohl! Aber jetzt bekenn’ i’s. I bin glücklich g’wesen mit mein’ Mann, recht glücklich! Aber i hab’s g’wußt, es war nur deswegen, weil der Tod uns rechtzeitig getrennt hat. Oft hab’ i’s kommen sehen, wie’s werden könnt’, wenn der Mann koan Halt und koa Einsicht hat.“