Ermattet von der gewaltsamen Anstrengung und inneren Erregung ließ die Kranke sich in ihre Kissen sinken. Mit ruhiger, leichter Hand fuhr Frau Therese ihrer Schwester über die glühendheiße Stirn und sprach mit guten, tröstenden Worten auf sie ein.

Die Witwe Altwirth nahm ihre ganze Kraft zusammen, um noch sprechen zu können. Sie mußte die bange Sorge noch los werden, die schwer auf ihr lastete ... „Der Felix braucht a Leitung, a starke Hand ...“ fuhr sie fort. „Ist a guater Bua, aber a schwacher Mensch. I sorg’ mi oft um ihn, Tag und Nacht, und kann oft nit schlafen vor Angst. I weiß nit, was noch aus ihm werden soll. I hab’ dir’s nur nie sagen wollen ... aber i begreif’s nit, was er will.“

Und in ihrer Herzensangst um den Sohn, und weil sie in ihrer einfachen Weise nicht imstande war, ihre Sorge eingehend zu erklären, fing sie bitterlich zu weinen an. — — —

Frau Therese Tiefenbrunner hielt ehrlich, was sie der toten Schwester versprochen hatte. Sie sorgte für Felix und ließ ihm nichts abgehen. Schickte ihm Geld und Kleider und Wäsche, und flickte und schaffte für ihn, als wäre er ihr eigenes Kind gewesen. Sie ließ es in ihren Briefen an ihn auch nicht an guten Ermahnungen und Ratschlägen fehlen. Dazu hielt sie sich geradezu für verpflichtet und betrachtete es als ihre heiligste Aufgabe, den jungen Mann auf den Ernst des Lebens und auf die Pflicht des Sparens hinzuweisen.

Diese heilsamen Ermahnungen der Tante bewirkten dann immer, daß Felix den Zeitpunkt herbeisehnte, wo er als freier, unabhängiger Mann vor seine Verwandten hintreten würde, als ein Mann, der etwas erreicht hatte im Leben.

Allzu lange brauchte Felix nicht zu warten auf die Erfüllung seines Wunsches. Der junge, talentvolle Künstler hatte Glück mit seinen Arbeiten. Es gelang ihm, seine Bilder in den Münchener Kunstsalons zur Ausstellung zu bringen und auch einzelne von ihnen zu verkaufen. In verhältnismäßig kurzer Zeit hatte er sich einen ganz geachteten Namen erworben.

Felix Altwirth schrieb selten an seine Tante. Und wenn er schrieb, so waren seine Briefe trocken und formell. Trotz aller Dankbarkeit, die er empfand, wollte kein herzliches Gefühl gegen Frau Therese in ihm aufkommen. Dazu hatten ihn ihre plumpen Ermahnungen, die ihm stets als Vorwürfe erschienen, innerlich zu sehr erbittert.

Auf Frau Therese Tiefenbrunner machten jedoch gerade diese einfachen, sachlichen Briefe einen gewaltigen Eindruck. Sie imponierten ihr, weil sie sich den Ton dieser Briefe nicht zurechtzulegen verstand. Und als Felix eines Tages schrieb, er sei nun in der Lage, allein für sich zu sorgen, und er sei dem Onkel und seiner Tante recht herzlich dankbar für alles, was sie für ihn getan hätten, und was dergleichen schöne Redensarten noch mehr waren ... da war die Apothekerin so glücklich und stolz auf ihren Buben, wie sie ihn jetzt stets zu nennen pflegte, daß sie schnurstracks zur Post lief und eine ansehnliche Geldanweisung nach München sandte. Als Glückwunschgabe für seine großen Erfolge, schrieb sie dazu mit klobigen, ungelenken Buchstaben.

Es waren etliche hundert Kronen. Und Felix Altwirth, der es schon gelernt hatte, Künstlerlos und Künsterschicksal als ein wankelmütiges Ding zu betrachten, legte sich das hübsche Geschenk der Tante als einen Notpfennig beiseite.

Felix Altwirth war jetzt ein glücklicher und zufriedener Mann geworden. Ganz glücklich, seit er sich ein kleines, bescheidenes Heim gegründet hatte, in dem die stille, feinsinnige Adele als seine Frau waltete.