Draußen im Isartal, auf einem der einsamen Wege hatten sich die beiden jungen Menschenkinder kennen und lieben gelernt.
So oft er nur konnte, wanderte der junge Maler ins Isartal. Es war nicht allein die herrliche, farbenprächtige Natur, die ihn allmächtig hinauslockte, sondern auch eine namenlose Sehnsucht nach den Bergen. Es waren die Tiroler Berge, die ihn aus der Ferne unwiderstehlich anzogen. Er wußte es ja, daß er sie nicht erblicken konnte, aber es genügte ihm schon, daß er in dem leichten, blauen Nebeldunst überhaupt Berge sah ... Berge, die seiner geliebten Heimat so nahe und verwandt waren.
Nach jeder solchen stillen Wanderung ins Isartal kehrte Felix neu gestärkt und erfrischt in die Großstadt zurück. Die Natur da draußen hatte ihn seiner Heimat näher gebracht, hatte ihm Kraft verliehen zu neuem Schaffen.
Der junge Maler hätte es nie geglaubt, daß er jemals mit so heißer Liebe und Sehnsucht nach seiner Vaterstadt zurückverlangen würde, als das jetzt in immer stärkerem Grade bei ihm der Fall war. Alles Üble, was er dort erlebt hatte, war gedämpft oder ganz erloschen in seiner Erinnerung. Er fing jetzt an, sich nach Innsbruck zu sehnen, mit der gleichen brennenden Begierde, wie er einstmals von dort fortgestrebt hatte.
Zwei Jahre war Felix Altwirth nun mit Adele verheiratet. Und ein kleines, blondlockiges Mädel machte just die ersten drolligen Gehversuche und übte sich mühsam und mit wichtigem Gesichtchen, um die Kunst des Redens zu erlernen.
In Schwabing, dem Eldorado aller jungen Künstler und Künstlerinnen, hatte das junge Paar sein Heim aufgeschlagen. Eigentlich gehörte Frau Adele auch der Gilde der Schwabinger an. Sie war eine Beamtentochter aus einer größeren Stadt in Mitteldeutschland und früh verwaist. In München hatte sie Musik studiert und die Prüfung als Klavierlehrerin mit gutem Erfolg bestanden.
Adele hatte es frühzeitig lernen müssen, sich zu behaupten. Und in strenger Selbstzucht hatte sie sich stets von allen lockern Sitten des Künstlervölkleins, das sie umgab, fern zu halten gewußt. Als Felix sie kennen lernte, war sie ein reifes Mädchen von fünfundzwanzig Jahren und schon einige Jahre als Klavierlehrerin tätig. Auch in ihrer Ehe wollte sie nicht darauf verzichten, ihren Teil zur Aufrechterhaltung des Hausstandes beizutragen.
So war das Leben des jungen Paares ein zwar bescheidenes, aber ein immerhin behagliches geworden. Felix konnte sich ganz seinen künstlerischen Neigungen widmen. Er brauchte nicht zu malen um des lieben Brotes willen, da ja Frau Adele zum großen Teil die Sorgen für den Haushalt übernommen hatte.
Felix Altwirth hatte all dieses seiner Tante nach Innsbruck geschrieben. Seine Briefe waren, seit er das Glück genoß, von einer feinen und gebildeten Frau liebend umsorgt zu sein, viel heiterer und ausführlicher geworden. Er hatte es gelernt, milder und gerechter zu urteilen, und hatte es sogar so weit gebracht, seine Verwandten zu sich nach München einzuladen.
Daß sich die beiden alten Leute zu diesem Unternehmen wirklich entschließen würden, daran war natürlich nicht zu denken. Sie nahmen es sich zwar stets vor, entwickelten eingehend und umständlich ihre Reisepläne bis in jede Kleinigkeit und verschoben die Ausführung von Monat zu Monat.