Und einmal, da schrieb der Felix, daß er es nicht mehr aushalten könne in der Großstadt. Das Heimweh habe ihn gepackt mit solcher Macht, daß es seine ganze Schaffenslust zu untergraben drohe. Er müsse fort, hinein nach Tirol mit Weib und Kind. Dort in seinen heimatlichen Bergen werde er allein die Kraft finden können, das Höchste in seiner Kunst zu erreichen.

Es sei ihm nicht bange vor der Zukunft. Nachdem es ihm in München unter viel schwierigeren Umständen gelungen wäre, sich einen angesehenen Namen zu gründen, so zweifle er nicht daran, daß er auch in seiner Vaterstadt sein Glück und sein Fortkommen finden werde. Er hoffe sogar, daß es ihm vergönnt sein möge, Großes auf dem Gebiete der Kunst nicht nur für sich, sondern auch für die Stadt zu leisten.

Die Kunst müsse hoch kommen in seiner Heimat. Es fehle nicht an Künstlern und Leistungen, aber an dem Zusammenhalt der einzelnen. Die feste, energische Leitung fehle, das einheitliche Zusammenarbeiten aller, um das Ansehen Innsbrucks auch als Kunststadt im ganzen Reich zu Ehren zu bringen.

Er, Felix Altwirth, fühle in sich die Kraft, diese Ideale zu verwirklichen. Er fühle sich dazu berufen, die künstlerische Führung zu übernehmen. Er gedenke, alle Künstler Tirols um sich zu scharen und einen Kunsttempel zu gründen, der vorbildlich werden solle im engern Heimatlande und im ganzen Reich.

Frau Therese Tiefenbrunner verstand nicht viel von den Zielen und Absichten des jungen Künstlers. Aber sie machte doch ein sehr gescheites Gesicht, während sie den Brief las. Schon deshalb, weil sie jetzt überhaupt große Stücke auf ihren Neffen hielt. Sie war überzeugt davon, daß alles das, was er schrieb, auch richtig sein müsse und ausgeführt zu werden verdiene.

Felix lebte ja nun in München. In der Großstadt hatte er es sicher gelernt, wie man das, was er da sagte, ins Werk setzen mußte. Und eine Frau hatte er auch, die was von Kunst verstand. So würde es schon recht werden. Für Frau Therese Tiefenbrunner bedeuteten die künstlerischen Ideale und Phantasien ihres Neffen ungefähr so viel, als ginge dieser mit dem Plane um, irgendein neues Geschäft in Innsbruck zu errichten.

Mit einer beinahe herablassenden Handbewegung übergab die Apothekerin ihrem Gatten den Brief ihres Neffen. „Da tu das einmal lesen, Simon!“ sagte sie in ihrer langsamen, singenden Tonart. „Und dann bringst den Brief heut’ auf die Nacht dem Herrn Patscheider. Der soll ihn nur auch lesen. Das schadet ihm gar nicht, wenn er sieht, daß andere Leute auch noch Einfälle und Ideen haben tun, nicht nur er alleinig. Und den Doktor Rapp kannst es auch lesen lassen. So etwas muß man nämlich unterstützen, was die Kunst anbetrifft. Das kannst ihnen sagen, Simon. Nit wahr, du verstehst mi schon, Alter?“ sagte sie freundlich und fuhr ihm dabei streichelnd über den jetzt schon stark ergrauten Kopf ...

Beinahe zehn Jahre waren vergangen, seitdem der Apotheker jene denkwürdige Unterredung mit Felix Altwirth gehabt hatte, die dem jungen Mann die Künstlerlaufbahn sicherte. Zehn Jahre ... Die Menschen altern rasch in kleinen Städten. Die Zeit war nicht spurlos an Simon Tiefenbrunner vorüber gegangen. Er war alt und gebeugt geworden, als hätte er eine schwere Sorgenlast im Leben zu tragen gehabt.

Herr Tiefenbrunner sah gar nicht darnach aus, als ob er viel von dem Auftrag seiner Gattin verstünde. Aber er nickte zustimmend und brachte auch abends gehorsamst den Brief von Felix zur Vorlesung beim Stammtisch im Weißen Hahn. Der Apotheker Tiefenbrunner las ihn lieber gleich selber vor, damit sie’s alle hörten und ihre Meinungen darüber abgeben konnten.

Der Rat Leonhard hatte sich gerade über sein Beuschel mit Tiroler Knödeln hergemacht, um es sich mit gebührender Andacht zu Gemüte zu führen. Wenn der Herr Rat beim Essen war, dann liebte er es gar nicht gestört zu werden. Als daher der Apotheker mit viel Umständlichkeit den Brief des jungen Künstlers entfaltete und sich seinen Zwicker mit dem blühweißen Taschentuch reinigte, um dann mit wichtiger Miene darüber hinwegzusehen, traf ihn ein bitterböser Blick des alten Herrn.