Der Herr Rat zog mit einem unsagbar verdrießlichen Ausdruck seines Mopsgesichtes sein Taschenmesser hervor, befühlte die Schneide desselben, ob sie wohl scharf genug sei, und sah dabei so grimmig aus, als wäre er am liebsten dem Apotheker zu Leibe gegangen. Dann ließ er sich einen Wecken Brot bringen, schnitt ein großes Stück davon herunter, beroch es, legte es hin und führte darauf den ganzen Wecken an seine Nase, offenbar, um sich von der Güte und Frische des Roggenbrotes zu überzeugen.
Simon Tiefenbrunner, der Apotheker, war von seiner Mission so erfüllt, daß er gar nicht auf den alten Herrn achtete, sondern zu sprechen begann. Langsam und bedächtig ...: „Ich hab’ da eine Zuschrift bekommen, meine Herren,“ fing Simon Tiefenbrunner seine Rede an, „die mir nicht ohne Wichtigkeit zu sein scheint. Sie ist von meinem Neffen, dem Felix Altwirth, den Sie ja alle kennen.“
„Ah so, der Felix!“ machte der Rechtsanwalt erfreut. „Laßt der auch wieder einmal was von sich hören.“
„Was will er denn?“ frug der Kaufmann Patscheider mit leisem Mißtrauen.
„Das werden Sie gleich hören, meine Herren!“ fuhr der Apotheker fort. „Ich will Ihnen den Brief gleich vorlesen.“
„Alsdann los mit der G’schicht’!“ forderte ihn der Doktor Rapp lustig auf, lehnte sich mit dem Rücken bequem in seinen Stuhl zurück und legte die beiden Arme gerade ausgestreckt auf den Tisch vor sich hin. „Also los! Dann wollen wir’s angehen!“ sagte er mit frischer, munterer Stimme.
„Muß das jetzt gleich sein?“ ließ sich da der Herr Rat vernehmen. „Ich möcht’ meine Knödel essen!“ sagte er brummig.
„Das können’s ja, wenn Sie wollen!“ meinte Patscheider. „Die werden nit kalt vom Vorlesen!“
Da die Herren von der Tischgesellschaft alle zu lachen anfingen, mußte sich der Herr Rat wohl oder übel fügen. Man sah es ihm aber an, wie unlieb ihm diese Störung war. Beim Essen wünschte der Herr Rat unbedingt in Ruhe gelassen zu werden. Er hatte dann für nichts auf der Welt Auge und Sinn als für die Schüsseln, die vor ihm standen. Sein ganzes Sein war dann hingebungsvolles Erwarten und völliges Aufgehen in diesem, alles andere in den Schatten stellenden leiblichen Genusse.
Sogar die Nase hatte ihren ganz hervorragenden Anteil bei den Mahlzeiten des Herrn Rates und entfaltete eine rege Tätigkeit. Von Zeit zu Zeit führte der Rat Leonhard seinen Gesichtsvorsprung ganz zu dem Teller herab und beschnupperte sorgfältig das Gericht, das vor ihm aufgetischt war. Er befühlte mit den Spitzen seiner knochigen Finger liebevoll und zärtlich die Speisen, beroch die Finger und erhöhte diesen raffinierten Genuß seines Geruchsinnes noch dadurch, daß er von Zeit zu Zeit die ganze Schüssel mit beiden Händen ergriff und sie in enge Fühlung mit seiner Nase brachte.