Während er auf diese Weise den Inhalt der Schüssel sorgfältig prüfend besichtigen und beriechen konnte, kaute er eifrigst und unaufhörlich darauf los. Dabei sperrte er seine Kiefer möglichst weit auseinander, schmatzte, schnaubte wie eine Dampfmaschine und zog gleichzeitig den feinen Duft der Speise ein.
Die Wirtin, die stets jede Miene des alten Herrn mit einiger Angst beobachtete, wußte es dann jedesmal, wenn der Herr Rat wiederholt die Schüssel an seine Nase geführt hatte, daß der alte Herr mit dem Gericht auch zufrieden war und daß es seinen ungeteilten Beifall gefunden hatte.
Das Lesen des Briefes verursachte dem Herrn Rat entschieden Mißbehagen. Er wollte nicht darauf achten und hörte trotzdem zu. Es machte ihn schon nervös, daß überhaupt an seine geistigen Fähigkeiten andere Anforderungen gestellt wurden, als jene der tiefsten Versunkenheit bei der Einverleibung von Speise und Trank in seinen Magen.
Da es dem Herrn Rat nicht gelungen war, die Verschiebung der Vorlesung auf einen spätern Zeitpunkt zu erreichen, so beeilte er sich, mit seiner Mahlzeit so rasch als möglich fertig zu werden. Er aß daher das Beuschel mit Knödeln so hastig und mit so viel Aufwand von Energie und Lärm, daß seine Tischgenossen, die sich im Laufe der Jahre an seine Unarten doch schon einigermaßen gewöhnt hatten, jetzt trotzdem stutzig wurden.
Sie beobachteten ihn unwillkürlich, wie er sich zuerst große Stücke Brotes mit seinem Taschenmesser in das Beuschel schnitt, dann die Gabel in die rechte Hand nahm und Brot und Knödel in dem Beuschel durcheinander arbeitete, als habe er ein großes Fuder Heu vor sich, das er schleunigst abladen müsse. Dabei schnob der alte Herr ordentlich vor Anstrengung und kaute mit so starkem Verbrauch von Kraft und Geräusch, daß er einem förmlich hätte erbarmen können.
Immer wieder schob er neue Ladungen in seinen Mund hinein, und das geschah in so rascher Aufeinanderfolge, daß die dünnen Backen des Herrn Rats hoch geschwollen aussahen und es fast unerklärlich schien, wie er stets wieder Platz für neue Zufuhr in seinem Munde fand.
Die Wirtin hatte einen Augenblick lang ernstlich Angst, der Herr Rat könne durch einen plötzlichen Hustenreiz ersticken. Und so entsetzt war Frau Maria Buchmayr über die rasende Freßgier des Herrn Rates, daß sie ein über das andere Mal besorgt den Kopf schüttelte und leise vor sich hinmurmelte: „Naa, in Gottsnamen ... in Gottsnamen, daß es grad möglich ist!“
Der Herr Rat hörte aber gar nicht auf sie. Er hatte alles zu tun, um seine volle Aufmerksamkeit nach dem Genuß seiner Knödel auf die nun lebhaft gewordene Unterhaltung zu richten. Jetzt, da er mit dem Essen fertig war, schob er den leeren Teller mit einer beinahe großartigen Gebärde weit von sich fort, rieb sich energisch mit der Serviette den Mund und Bart ab, zerknüllte sie und warf sie achtlos neben den Teller. Die Serviette sah aus wie ein schwer mißhandeltes Lebewesen, dem man aus Zorn wegen seiner eigentlich überflüssigen Dienste den Garaus gemacht hat.
Zwischen der eingenommenen Mahlzeit und dem Rauchen pflegte der Herr Rat sich einer Erholungspause hinzugeben. Diese füllte er damit aus, daß er sein Taschenmesser hervorzog, es sorgfältig an dem Tischtuch reinigte und sich dann mit einiger Umständlichkeit damit die Nägel putzte. Diesen feinsinnigen Abschluß seiner Mahlzeit nahm der alte Herr auch jetzt vor. Während er anscheinend ganz seinem Reinlichkeitsbedürfnis huldigte und auf nichts achtete, was um ihn vorging, hörte er doch in Wirklichkeit auf jedes Wort, und es entging ihm auch nicht die kleinste Rede.
„Das ist doch großartig, so ein Einfall!“ lobte der Apotheker Tiefenbrunner, indem er den Brief wieder sorgfältig in seine linke Brusttasche steckte. „Was sagen’s jetzt da dazu, Herr Patscheider?“ Fast ängstlich sah der kleine Mann auf den Kaufmann, der an seiner Seite saß.