Nun sahen sich die beiden Frauen nur mehr in Gesellschaft, wo sie liebenswürdig und zuvorkommend gegen einander waren. Es war aber nur der Firnis einer schlecht verborgenen Abneigung. Nicht auf Sophiens Seite; denn sie fühlte weder Liebe noch Abneigung für die Professorin. Ihr war jede Frau mehr oder minder gleichgültig. Und sie hatte sich auch nie zu einem warmen Gefühl für die Professorin aufschwingen können. Aber Frau Haidacher empfand mit der Zeit einen immer größeren Widerwillen gegen Sophie. Das steigerte sich derart, daß sie es endlich vorzog, bei geselligen Veranstaltungen oder Festlichkeiten fernzubleiben, um nicht mit Sophie zusammentreffen zu müssen.
Die andern Damen verstanden es besser, als die Professorin, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Aber Sophie kannte sie trotzdem ganz genau. Sie wußte, wie hoch sie die süßfreundlichen Mienen einzuschätzen habe. Da war ihr die immer mehr zutage tretende Abneigung der Professorin entschieden lieber.
Es kümmerte Sophie im Grunde gar nicht, ob man sie leiden mochte oder nicht. Sie gab sich auch darüber gar keine Rechenschaft, und sie erstrebte es auch nicht, sich das Wohlwollen der Damen zu erhalten. Was sie erstrebte, das hatte sie. Eine Stellung, die in kurzer Zeit diejenige der andern weit überragte ...
Obwohl Sophie der Wirtin damals versprochen hatte, recht oft zum Weißen Hahn zu kommen, so war sie doch nur ein seltener Gast geworden. Sie hatte als Dame der Gesellschaft so viel zu tun, daß sie für die bescheidene kleine Stammtischgesellschaft nur wenig Zeit erübrigen konnte. Und vielleicht fühlte sie es auch, daß sie ihrem Ansehen nur hinderlich war, wenn sie sich allzu häufig an der Stätte ihres einstigen Wirkens zeigte.
Frau Doktor Rapp war mit der Zeit den Gästen des Weißen Hahn eine Fremde geworden. Eine Dame, von der man sprach, weil sie viel in der Öffentlichkeit tätig war, und auch deshalb, weil sie eine außerordentlich interessante Persönlichkeit war, die Geist, Rasse und Temperament besaß wie selten eine in Innsbruck.
Sie verkehrten noch alle beim Weißen Hahn. Genau so wie früher. Und saßen auch in derselben Rangordnung. Doktor Rapp führte seinen lustigen Krieg weiter mit der dicken Wirtin. Und Herr Tiefenbrunner lauerte wie immer mit ängstlicher Miene auf den Augenblick, wo er als Friedensvermittler zwischen die Gegner Rapp und Patscheider treten mußte.
Die alte Gegnerschaft zwischen diesen beiden war besonders in der letzten Zeit ziemlich scharf zutage getreten. Ihre Unversöhnlichkeit war bereits so weit gediehen, daß jeder von beiden den andern haßte. Das kam daher, weil der Einfluß, den Doktor Rapp in der Stadt besaß, die Selbstherrlichkeit des Herrn Patscheider ernstlich verdunkelte. Dafür haßte Patscheider den Rechtsanwalt. Haßte ihn glühend und leidenschaftlich. Und je größer das Ansehen des Rechtsanwalts wurde, desto tiefer wurde der Haß des Kaufmanns Patscheider.
In Doktor Rapp sahen viele Innsbrucker ihren zukünftigen Führer. Seinem Geist, seinem Willen und seiner Energie vertrauten sie. Patscheider, der sein ganzes Leben nur dem Aufblühen und Gedeihen der Stadt gewidmet hatte, fühlte es mit innerem Grimm, daß ihm in Doktor Rapp derjenige Gegner erstanden war, der seine Verdienste für immer in den Schatten stellte.
Aber weder Patscheider noch Doktor Rapp ließen es sich für gewöhnlich anmerken, daß sie einander ehrlich und vom Grunde ihrer Seele aus haßten. Nur bei seltenen Gelegenheiten kam der unterdrückte Groll und Haß zum Vorschein und warf plötzlich grelle Schlaglichter auf ihre wahre Seelenstimmung.
Der Rat Leonhard saß noch immer als Ehrenpräsident am Stammtisch beim Weißen Hahn. Er schnitt sein zuwiderstes Gesicht, aß, was ihm schmeckte, rauchte seine Pfeife und sprach gar nichts.