Ein sinnliches Fluidum strömte von dem Weibe aus. Überall, in jeder Gesellschaft hatte sie die Männer zu ihren Füßen. Sie beherrschte alle, ganz so wie ehedem, als sie noch die Kellnerin war beim Weißen Hahn. Und doch wieder anders. Damals lockte ihre herbe Zurückhaltung, die so seltsam abstach gegen das leidenschaftliche Rassegesicht.

Es gab niemand, der diesem eigenen Reiz des jungen Weibes widerstand. Auch die alten, vertrockneten Herren, die eingesessenen Bürger und Bureaukraten der Stadt fühlten ein prickelndes Etwas, wenn Frau Sophie mit flüchtigen, leichten Schritten an ihnen vorüberging. Und wenn sie mit ihnen sprach, so waren sie schon nach wenigen Worten vollständig in ihrem Bann.

Frau Sophie war die lachende Freude und Lebenslust, wo immer sie auch hinkam. Und je größeres Gefallen sie bei den Herren fand, desto zurückhaltender und feindseliger wurden die Frauen. Sie durften nicht offen gegen sie auftreten. Dazu gab sie ihnen keine Gelegenheit. Alles, was sie von Sophie zu sagen wußten, waren eben nur Gerüchte, denen der Boden der Wirklichkeit und des Beweises fehlte.

Sophie benahm sich in der Öffentlichkeit tadellos in jeder Hinsicht. Ihre Heiterkeit war nie ausgelassen, ihre Rede witzig, doch anständig, und ihre Koketterie einwandfrei. Und doch wußten es alle, Mann wie Frau, daß dieses Weib den Teufel im Leib hatte, daß sie den Gatten belog und betrog und ihn trotzdem unbändig glücklich machte ...

Es dauerte gar nicht lange, so spielte Frau Sophie Rapp eine führende Rolle in der Innsbrucker Gesellschaft. Sie war sogar tonangebend geworden. Beteiligte sich bei den verschiedenen Vereinen und übernahm selbst die Leitung eines von ihrem Gatten gegründeten wirtschaftlichen Verbandes.

Mit viel Geschick, mit Takt und Anstand füllte sie ihre Stellung aus. Sie mußten es alle anerkennen, auch die Frauen, unter denen sich bald keine einzige mehr befand, die ihr wohlgesinnt war. Nicht einmal die gutmütige, lustige Frau Professorin. Auch diese hatte sich von ihr zurückgezogen und fühlte sich solidarisch mit den übrigen Damen.

Die Professorin wußte es selbst nicht, warum sie sich von der jungen Frau immer mehr abgestoßen fühlte. Sie hatte keinen eigentlichen Grund dazu. Es war ein unbestimmtes Element, das sie sich nicht zu erklären vermochte.

Frau Haidacher war der Sophie in der allerersten Zeit mit ganz besonderer Herzlichkeit entgegengekommen. Gerade weil alle gegen die junge Frau waren, gerade deshalb tat sie der Professorin leid. Frau Haidacher war ihr eine Freundin geworden und hatte ihr mit Rat und Tat beigestanden. Ihr Verdienst war es zum größten Teil, daß Sophie sich so rasch in die Rolle einer Dame einlebte.

Die Professorin hatte anfangs auch nur mit Selbstüberwindung gehandelt. Ihrem innersten Empfinden widerstrebte es, die ehemalige Kellnerin als ihresgleichen anzuerkennen. Aber das Mitleid und ihre angeborne Gutmütigkeit errangen den Sieg. Und Frau Haidacher ging so weit, daß sie der jungen Frau Doktor sogar das Duwort anbot.

Sophie hatte wenig Sinn für Frauenfreundschaft. Sie nahm es deshalb auch gar nicht sonderlich schwer, als sich die Professorin immer mehr von ihr lossagte. Es war ihr sogar recht; denn sie hatte schon angefangen, die Freundin und deren Besuche lästig zu finden.