Nicht alle, die sie besuchten, waren gut zu Sophie. Und es fehlte nicht an boshaften kleinen Seitenhieben. Aber Sophie verstand es ganz meisterhaft, alle Anzüglichkeiten zu parieren und sie wo möglich mit kleinen Bosheiten zu vergelten. Überhaupt war es im höchsten Grade erstaunlich, wie rasch sich die junge Frau Rechtsanwalt in ihre Stellung zu schicken wußte.

Die geborne Dame ... rühmte die Frau Professor Haidacher einmal von ihr. Dafür wurde sie aber von den andern Damen, die behaupteten, das besser beurteilen zu können, ganz energisch zurechtgewiesen. Eine geschickte Komödiantin nannten sie die Sophie in ohnmächtiger Empörung.

Zu den wenigen Damen, die gut gegen Sophie waren, gehörten die Professorin und Frau Therese Tiefenbrunner. Auch Frau Hedwig war nett zu der jungen Frau. Aber es war mehr eine schüchterne, unentschlossene Haltung. Sie wollte gut sein, wurde aber doch wieder zu sehr von ihrer Schwester beeinflußt, die sie davor warnte, nicht allzu vertraut mit „so einer“ zu werden. Das dürfe man um keinen Preis tun. So viel Rücksicht und Würde sei man seiner Abstammung schuldig. Sophie sei eben doch nur eine Kellnerin; und woher sie eigentlich komme, das wisse man ja gar nicht.

Die Fama hatte sich der jungen Frau Doktor Rapp angenommen; und was es nur über sie zu erzählen gab, das wurde eifrig herumgetratscht. Bald munkelte man sich in Innsbruck zu, die Sophie sei gar kein Bauernmädel aus dem Unterland, sondern ein Karrnerkind. Wer zuerst das Gerücht verbreitet hatte, wußte kein Mensch.

Und noch ein anderes Gerücht lief durch die Stadt, anfangs langsam und zweifelnd aufgenommen, dann immer lauter und bestimmter. Es hieß, daß Frau Sophie es mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nehme, daß sie auch Augen und Herz für andere besaß. Wer „die andern“ waren, das wußte allerdings kein Mensch zu sagen. Und trotzdem gab es bald niemand mehr, der dem Gerede nicht Glauben geschenkt hätte. Sie hatten keine Beweise dafür, und doch fand sich niemand, der für die Ehre der jungen Frau Rechtsanwalt eingetreten wäre.

Eine große Veränderung war mit Sophie seit ihrer Verheiratung vor sich gegangen. Sie sahen es alle und mußten es sehen. Es sprang zu sehr in die Augen. Auch Doktor Rapp sah es ... und freute sich darüber. Er freute sich und hatte den festen Glauben, daß er die richtige Wahl getroffen habe.

Die junge Frau gab sich freier und selbstbewußter. Ihre ganze Haltung, ihr Gang und ihre Sprache hatten etwas Sieghaftes an sich. Ihre Anpassungsfähigkeit war geradezu hervorragend. Sie benahm sich bald ganz so, als hätte sie stets unter Damen gelebt, und fiel in keiner Weise durch irgendeine Ungeschicklichkeit auf. Ihre Sprache hatte einen leichten Dialektanflug, der den Innsbruckerinnen eigen ist und auf den sie auch stolz sind.

Was aber Doktor Rapp ganz besonders glücklich machte, das war, daß er beobachtete, wie Sophie fast mit jedem Tag mehr Temperament, mehr Heiterkeit und mehr Humor entwickelte. Jetzt, da die bange Sorge um ihre Zukunft von ihr gewichen war, die ja stets wie ein Alp auf ihr gelastet hatte, da sie unabhängig war und ihre Ziele erreicht hatte, brauchte sie nicht mehr gegen ihre eigenste Natur zu kämpfen. Sie konnte ihrer innersten Anlage nachgeben und durfte das sein, was sie im tiefsten Grunde war: ein heißes, leidenschaftliches Weib, das mit Heißhunger das Leben begehrte und auch genoß.

Doktor Rapp war so vollständig in ihrem Bann, daß er es nicht bemerkte, wie der Weg, den Sophie einschlug, ein schiefer wurde. Noch immer glaubte Sophie daran, daß sie ihren Gatten liebe. Sie umgab ihn täglich mit tausend kleinen Zärtlichkeiten, sorgte für ihn, war arbeitsam und machte ihm sein Heim so behaglich, daß er sich in all den Stunden des Tages nach ihr sehnte, wo sie getrennt sein mußten.

Es war ein großer Sinnenrausch über den Mann gekommen. Jetzt, da er beständig mit diesem entflammten Weibe zusammenlebte, war der Taumel noch mächtiger als zuvor. Sein ganzes Empfinden, sein ganzer Wille, alle Wünsche und Gefühle hatten ihren Höhepunkt in Sophie. So glücklich war Doktor Rapp in seiner Ehe, daß er es nicht sah, wie ein unersättlicher Lebenshunger von dem jungen Weib Besitz ergriff und ihre aufgepeitschte Leidenschaft Befriedigung außerhalb der Ehe suchte.