„Weißt, Sophie, die, die du kennt hast, die war viel zu g’scheit für uns da!“ erzählte die alte Schwester der Sophie, als diese mit ihrem Bräutigam zu Besuch bei ihr war. „Die ist jetzt in an großen Kloster, wo sie auch hing’hört. Weißt wohl, a Frau wie die eine war. Mit so viel Willen und Verstand! Um die wär’s ja schad’ g’wesen. Wir brauchen nit so viel Verstand da, wir nit. Weißt wohl!“ versicherte sie lustig, bis sie zu hüsteln anfing. „Wir sind ja viel zu einfach da, wir paar Leuteln übereinander!“

Eine vornehme Dame war die Sophie in den Augen der alten Klosterschwester geworden. Schwester Salesia mußte sie immer und immer wieder ansehen, wie Sophie jetzt zur Linken ihres Bräutigams an den Stufen des Altares stand und aus der Hand des alten Pfarrers den Ehering entgegen nahm.

Ihre hohe, üppige Gestalt kam durch das einfache schwarze Kleid ganz besonders vorteilhaft zur Geltung. Sophie Zöttl trug als einzigen Brautschmuck einen Kranz frischer Myrten in dem dunkeln, modisch frisierten Haar und einen großen Strauß weißer Rosen in der Hand. Die Myrten in den dunkeln Haarwellen waren wie eine Krone. Und in wahrhaft königlicher Haltung stand das junge Weib an der Seite des unscheinbaren vierschrötigen Mannes, der nun ihr Gatte geworden war.

Doktor Rapp wirkte neben der imposanten Gestalt seiner jungen Frau, die ihn um ein beträchtliches Stück überragte, bäuerlich, linkisch und unbeholfen. Er hatte gleichfalls einfache, dunkle Kleidung für die Trauung gewählt. Der Anzug war von gutem Schnitt und feinem Tuch. Aber er stand ihm nicht. Doktor Rapp hatte eine unglückliche Art, sich zu kleiden. Auch der beste Schneider vermochte ihm keinen eleganten Anzug zu liefern.

Der Rechtsanwalt liebte über alles seine Bequemlichkeit. Und dieser zuliebe verzichtete er gern auf die Verschönerung seines äußeren Menschen. Jede Kleidung mußte ihm weit genug sein, durfte in keiner Weise beengen. Aus diesem Grunde trug er stets niedere, unmoderne Umlegekragen und machte darin einen ärmlichen und bescheidenen Eindruck. Seine Hosen, die ihm immer zu weit waren, verloren bald ihre Form, schlotterten und machten Falten wie der Fächer einer Ziehharmonika. Seine von Natur aus kleinen, wohlgeformten Füße staken nach den Grundsätzen seiner Bequemlichkeit in viel zu weiten Schuhen, die schon nach kurzer Zeit schäbig und abgetragen aussahen. Der Gegensatz zwischen Doktor Rapp und Sophie war so augenfällig, daß es sogar der alten Schwester Salesia auffiel.

Infolge der inneren Erregung war das Gesicht des Rechtsanwalts ganz besonders rot und aufgedunsen und hinterließ unwillkürlich den Eindruck, als habe er dem Wein etwas zu viel zugesprochen. Der blonde Vollbart und das blonde Haar schimmerten in der frühen Morgensonne, die durch die hohen, buntgemalten Kirchenfenster fiel, strohgelb und sahen struppig aus.

Ob diese beiden so ungleichen Menschen wohl glücklich werden würden? Schwester Salesia mußte sich immer und immer wieder diese Frage stellen. Es ist ein langer Weg, der durchs Leben führt. Ein Weg, der gar hart und mühselig werden kann. Schwester Salesia, die wissende alte Schwester, hatte nicht umsonst den Frieden im Kloster gesucht. — — —

Ob Doktor Valentin Rapp sein Glück in dieser Ehe gefunden hatte? ... Ganz Innsbruck beobachtete das junge Ehepaar mit scharfen Augen. Und was die einen nicht sahen, das wußten die andern. Sie hatten gar vieles auszusetzen an der Sophie. Kleine Fehler und Mängel, die der Gatte nicht zu bemerken schien. In den Augen der andern jedoch, die nun einmal diese Ehe von vornherein mit Mißtrauen betrachteten, fielen sie schwer ins Gewicht.

Doktor Valentin Rapp war nicht der Mann, um es zu dulden, daß seine Gattin nicht jene Stellung eingenommen hätte, die seinem eigenen Ansehen gebührte. Als wäre sie von guter Familie, gerade so führte der Rechtsanwalt seine junge Frau in der Gesellschaft ein. Und mit süßsauren Gesichtern mußten die Damen der ehemaligen Kellnerin beim Weißen Hahn den Besuch erwidern.

Sie kamen alle zu ihr. Alle, die Namen und Stellung hatten in der Stadt. Auch Doktor Storf kam und Frau Hedwig. Seit mehr als einem Jahr war Doktor Storf nun mit Hedwig Eisenschmied vermählt, und ihr erstes Kindchen zählte schon etliche Wochen.