Nach den Begriffen der stillen, einsamen Frau konnte jetzt nichts mehr über das Mädchen kommen. Der liebe Gott hatte das Werk der Ennemoserin gesegnet, und sie hoffte und vertraute weiter auf seine Güte. Er würde auch ihr Gebet erhören und ihr sündiges eigenes Kind retten.

Die beiden alten Frauen, die Schwester und die Ennemoserin, knieten still und froh vor dem Hochaltar der Kirche zu Mariathal und beteten inbrünstig zu Gott, daß er den heiligen Ehebund segnen und schützen möge fürs ganze Leben.

Es war ein ruhig klarer, später Oktobertag. Die rotgelben und blutroten Blätter im Buchenhain draußen vor dem Kirchhof fielen mit leisem Knistern auf die taufeuchte Erde. Eines nach dem andern. Ein farbenbunter Regen war’s. Drinnen in der Kirche zu früher Morgenstunde vollzog sich still und feierlich die heilige Handlung, die zwei Menschen zeitlebens miteinander verband.

Die alte Schwester Salesia kniete ganz abseits am äußersten Rande der ersten Bank vor dem Hochaltar. Fast scheu sah sie aus und tief gebückt. Aber ununterbrochen beobachtete sie die Vorgänge am Altar.

Es war lange her, seit Schwester Salesia eine Trauung gesehen hatte. Sehr lange schon. Bald ein Menschenalter war’s her. Und diejenigen, die sich damals den Treuschwur geleistet hatten, waren nicht glücklich geworden. Ob wohl diese beiden, die Sophie Zöttl und der fremde Rechtsanwalt, glücklich werden würden? ...

Die alte Schwester hatte wenig mehr gesehen von der Sophie in den letzten Jahren. Alles, was sie von ihr wußte, hatte ihr die Ennemoserin berichtet, die öfters zu Besuch kam. Und das bewirkte, daß die Sophie in der Erinnerung der Klosterschwester fortlebte als das wilde Karrnermädel von ehedem, das aus dem Kloster gelaufen war.

Die Sophie, wie sie jetzt war, die war der Schwester Salesia eine völlig Fremde. Aber es rührte sie, daß die vornehm gekleidete Dame zu ihr kam, mit ihr redete und so tat, als wäre sie noch das kleine Mädel, das sich stets an die alte Schwester geklammert hatte. Und gerne erfüllte ihr die Schwester den Wunsch, bei ihrer Trauung zugegen zu sein.

„Weißt,“ fügte sie vorsichtig hinzu, „wenn’s die Frau Oberin erlaubt. Sonst nit. Beileib’ nit! Kennst mi schon, gelt?“ lächelte sie heiter vor sich hin.

Der Sophie war’s, als sei erst eine kurze Spanne Zeit seit ihrem Klosterleben verstrichen. Ihr kam die Schwester nicht verändert vor. Sie hatte in ihrer Gegenwart das gleiche ruhige Gefühl des Geborgenseins und der Liebe, wie sie es stets als Kind empfunden hatte.

Die Oberin erlaubte es der Schwester Salesia. Es war eine andere Oberin, die über das kleine Frauenkloster gebot.