Das Mädchen hatte ihre Rolle geschickt gespielt. Sie hatte den älteren Mann sachte umgarnt. Ganz sachte. Bis sein Blut in Wallung kam, immer mächtiger und mächtiger. Und immer mehr verstand sie es, seine Leidenschaft zu entfachen, bis er keinen andern Gedanken mehr nährte, sich keines andern Wunsches bewußt war als dieses einen, Sophie zu besitzen.

Er kannte sich selber nicht mehr; er wollte sich auch nicht mehr kennen. Er ließ sich umgarnen von der Leidenschaft und lebte in dieser wie in einem Traum. Er war nicht mehr er selber. Es war ein anderer Mensch, der da handelte und sprach.

Zum erstenmal in seinem Leben hatte ihn die Leidenschaft für ein Weib in solchem Maße gefangen genommen. Er hatte ja öfter geliebt, aber er war stets der kühle, klare Beobachter seiner Gefühle geblieben.

Sophie hatte es verstanden, ihn zu formen und umzumodeln, wie sie es wünschte. Das Mädchen hatte sich selbst allmählich zu der Überzeugung gebracht, daß auch sie eine warme und innige Liebe für den Rechtsanwalt empfinde. Sie spielte sich und ihm die Komödie rasender Verliebtheit vor und wußte sich schließlich selber keine Rechenschaft mehr darüber zu geben, wie weit ihre Liebe zu diesem Mann ging.

Durch dieses fortgesetzte Spiel mit den Flammen der Leidenschaft, die sie bei dem Manne entzünden wollte, entfachte sie ihr eigenes wildes Blut. Sie tat sich keinen Zwang an. Sie wußte, daß sie ihrem zügellosen Temperament volle Freiheit gewähren durfte, wenn sie ihr Spiel gewinnen sollte. Nicht nur durfte, sondern sogar mußte. Und so wurde sie allmählich zu jenem leidenschaftlichen Weib, das Doktor Storf in ihr zu wecken fürchtete.

Der Rechtsanwalt war ihr mit Leib und Seele verfallen. Er hing an ihr und konnte sich ein Leben ohne sie nicht mehr denken. Und das war der Zeitpunkt, wo Sophie geschickt die Forderung an ihn stellte, daß er sie zu seiner Frau machen solle. Ohne Weigern, ja sogar mit Freuden war er darauf eingegangen ...

In der stillen Klosterkirche zu Mariathal hatte die Trauung stattgefunden, im Beisein der Ennemoserin und der Schwester Salesia. So war es Sophiens Wunsch gewesen, und ihr Bräutigam hatte sich mit allem einverstanden erklärt. Er war ein Mann, der allen Zeremonien, mochten sie nun mit der Kirche zusammenhängen oder nicht, vom Grunde seines Herzens aus abgeneigt war. Und er hatte auch in diesem einen Fall nur das Verlangen, die Zeremonie der Trauung so still und so rasch als möglich und ohne viel Aufhebens zu erledigen.

Es gefiel Doktor Rapp, daß Sophie den romantischen Wunsch äußerte, gerade in Mariathal getraut zu werden. Schon deshalb gefiel es ihm, weil er dem Mädchen diese Weichheit des Empfindens eigentlich nicht zugetraut hatte und davon überrascht war.

Sophie hatte ihm im Laufe der Zeit ihr ganzes Leben erzählt. Er wußte, daß sie ein Karrnermädel war, und begriff jetzt auch die Wildheit ihres Temperamentes, die ihm früher manchmal unerklärlich erschienen war. Daß Sophie noch immer mit so viel Liebe und Anhänglichkeit der alten asthmatischen Klosterschwester zugetan war, machte ihm einen außerordentlich guten Eindruck. Es verriet ihm ein weiches, dankbares, fast kindliches Gemüt.

Die Ennemoserin als Brautmutter hatte einen schönen, stolzen Tag in ihrem Leben. Nun hatte sie es ja erreicht, was sie erstrebte. Sie hatte das wilde Mädel in ruhige Bahnen geleitet, hatte eine Seele dem Himmel gerettet und das Glück erlebt, ihr Pflegekind in dem sichern Hafen einer ehrbaren Ehe gelandet zu sehen.