Die Wirtin schaute allerdings, aber ganz blödsinnig. Sie verstand es einfach nicht. Der Doktor Rapp und die Sophie. Wie das nur zugegangen war? Sie hatte doch nie das Geringste bemerkt, daß sich zwischen den beiden etwas anbandelte. Und sie hatte in solchen Dingen doch gewiß eine feine Nase. Sah und hörte mehr als andere Leute. Aber da ... nein ... nichts hatte sie bemerkt. Rein gar nichts.

Die Sophie war ungemein belustigt über das Erstaunen der Wirtin. „Ja, ja, es ist schon wirklich so!“ versicherte sie. „Und weil’s so ist, so werden’s schon ein Einsehen haben, Frau Buchmayr, und mich gleich entlassen. I kann doch da jetzt nimmer Kellnerin sein. Das werden’s doch begreifen!“ redete sie auf die Wirtin ein. „I fahr’ jetzt dann gleich nach Rattenberg hinunter zu meiner Ziehmutter und richt’ mir die Aussteuer, und dann wird g’heiratet. Aber nacher, Frau Buchmayr, werden’s sehen, wie fleißig i daher komm’ zu Ihnen mit mein’ Mann. I muß mir doch die neue Kellnerin anschauen, die Sie Ihnen dann eintun!“ scherzte sie. „I bin neugierig, ob die ihr Sach’ auch so gut versteht wie ich.“

„Naa, Sophie, das glaub’ i nit! So gut wie du, das gibt’s nimmer!“ erwiderte Frau Buchmayr mit starker Betonung.

Die Sophie erschien ihr jetzt auf einmal ganz unheimlich. Wie das nur zugegangen war? Mit rechten Dingen sicher nicht. Davon war sie felsenfest überzeugt. Und sie sagte es auch am Stammtisch zu ihrer Verteidigung, da sie alle so über sie herfielen.

Der Herr Rat Leonhard schien ihr recht zu geben. Er war ein alter Jurist, und in seiner Praxis waren ihm viele merkwürdige Fälle vorgekommen. Er hatte es gelernt, alles, auch das Unerhörteste im Leben menschlich begreiflich zu finden und zu verstehen. Auf diese Weise war der Rat Leonhard ein tiefer Denker und ein Philosoph geworden.

Als sich der Patscheider gar so ereiferte und der Wirtin mit groben Worten vorwarf, sie hätte die Sache rechtzeitig verhindern müssen und die Sophie zum Teufel jagen sollen, da meinte der alte Herr ganz ruhig: „Sie, Herr Patscheider, sei’n Sie froh, daß die Sophie es nit auf Ihnen hat abg’sehen g’habt. Da wären Sie auch verloren g’wesen dabei. Denn was a Weib will, das kriegt’s auch. Auf den Willen kommt’s an, nur auf den Willen!“ nickte er mehrere Male zur Bekräftigung vor sich hin.

„Darum hat der Herr Rat keine kriegt, weil ihn keine mögen hat!“ meinte der Baurat Goldrainer mit gutmütigem Spott.

Der alte Herr sah den Baurat einen Moment mit prüfenden Blicken an, aber er sagte kein Wort. Nicht ja und nicht nein. Er rauchte ruhig und phlegmatisch an seiner Pfeife weiter und machte wieder sein verdrossenes Mopsgesicht. Hörte still und gelassen zu, wie die Herren erregt den Fall Doktor Rapp diskutierten, als gäbe es eine hochwichtige Staatsaktion zu verhandeln ...

Sophie Zöttl war gleich am nächsten Tage nach der Unterredung mit der Wirtin nach Rattenberg gefahren zu ihrer Pflegemutter, der Ennemoserin. Auch Doktor Rapp war mit ins Unterland gefahren. Er wollte dem Klatsch und dem Aufsehen in Innsbruck entgehen und sich erst nach vollzogener Trauung wieder bei seinen Freunden und Bekannten vorstellen.

Hätte man den Rechtsanwalt gefragt, wieso dieser plötzliche Umschwung in seiner Gesinnung gekommen war, so hätte er keinen Grund anzugeben gewußt. Er war sich vollständig im unklaren, wie er dazu kam, die Sophie zu heiraten.