Der alte Rat Leonhard, der jetzt schon längst wieder seine Pfeife rauchte, legte seinen kleinen, grauen Kopf leicht zur Seite, klemmte die Pfeife fest zwischen die Zähne, zog die Nase empor, so daß sich auf ihr viele kleine Falten bildeten, und erhob warnend den Zeigefinger seiner magern, runzligen Hand ... „Es wird ihm nit g’fallen da, dem Felix. Es ist nit ’s Richtige bei uns da herinnen. Wir vertragen so was nit. So was ... was außerhalb von uns liegt, das geht uns gegen den Strich. Das wollen wir nit. Und das tut auch kein Gut nit, wenn’s zu uns hereinkommt! Schreiben’s das dem Felix, Herr Apotheker!“
Der alte Herr erhob seine beiden Hände nach rechts und nach links, mit den Handflächen nach auswärts wie ein Prediger, nickte bekräftigend mit dem Kopf und meinte dann noch einmal in eindringlichem Ton: „Ich hab’s g’sagt! Ich hab’s g’sagt!“
Zehntes Kapitel.
Der alte Rat Leonhard hatte seine ganz bestimmten Lebensgewohnheiten und seine genau festgesetzte Tageseinteilung. Davon wich er auch nicht ab. Um keinen Preis. Diesen Gewohnheiten kam er nach mit einer Pünktlichkeit und einer Sorgfalt, die den einstigen pflichtgetreuen und exakten Beamten verrieten.
Zu den Gepflogenheiten des Herrn Rats gehörte es auch, daß er jeden Tag, wenn die Uhr vom Turm zwei schlug, durch den Torbogen schritt, der die Franziskanerkirche mit der Hofburg verbindet. Schlag zwei Uhr war der alte Herr am Ende des Burggrabens zu sehen. Bei Regen und Sonnenschein, bei Sturm und Schnee.
Täglich ging er den gewohnten Gang. Schritt langsam, fast schleichend, mit vorgebeugtem Oberkörper, die Hände auf dem Rücken und einen hellgrauen Regenschirm unter dem Arm, hinaus auf den breiten Rennweg bis hinunter zum Inn.
Er hatte einen weichen, runden Hut auf dem Kopf, der ihm tief ins Gesicht fiel. Einmal mochte der Hut ein ganz gutes Äußeres gehabt haben. Das mußte aber gewiß schon recht lange her sein. Sicher war der Hut einmal schwarz gewesen. Jetzt war er grünlich, bräunlich, grau und von einer Ungebundenheit der Form, die schon geradezu etwas Künstlerisches an sich hatte.
Dazu trug der Herr Rat einen langen, tiefbraunen Überrock, der auch vor undenklichen Zeiten einmal modern gewesen war. Jedes Jahr trug der Rat Leonhard denselben Hut und denselben Mantel. Man kannte ihn in Innsbruck gar nicht anders als mit diesen Kleidungsstücken. Nur während der heißen Sommermonate hatte der Herr Rat einen Hut und einen Überzieher von ganz hellgrauer Farbe. Die waren aber beide so alt und unmodern wie ihre Kollegen von der kälteren Jahreszeit.
Zwei Hüte und zwei Überröcke, die genügten dem alten Herrn vollständig für eine lange Reihe von Jahren. Von seinem Regenschirm trennte er sich nie. Nicht im Sommer und nicht im Winter, weder bei Schneegestöber noch bei strahlend blauem Himmel.