Und tagtäglich wanderte der Herr Rat denselben Weg hinunter zum Inn, bis zu der schmalen Brücke, dem sogenannten Kreuzersteg, die nach Sankt Nikolaus hinüberführt. Der alte Herr schlich langsam und bedächtig seines Weges und achtete kaum auf die Grüße der Leute, die ihn als einen alten Innsbrucker nun schon jahrzehntelang gut kannten. Kaum, daß er flüchtig den gebotenen Gruß erwiderte. Er liebte es gar nicht, wenn man ihn kannte, und fühlte sich durch solche Begegnungen sofort in seiner Gedankenwelt gestört.

Auf dem Innsteg blieb der Herr Rat stehen und sah eine Weile dem Spiel der Wellen zu. Dann erst beschloß er, seinen Spaziergang fortzusetzen. Von hier aus schlug der alte Herr die verschiedensten Wege ein. Je nach dem Wetter. Aber am liebsten ging er hinauf zur Weiherburg, vorüber an der Sankt Nikolauskirche, vorbei an dem ansehnlichen roten, breiten Schloßbau von Büchsenhausen, und dann noch weiter hinauf, immer in sachter Steigung bis zur Weiherburg. Bis zu diesem entzückenden kleinen Schlößchen mit seinem spitzen Turm und mit der prachtvollen Fernsicht auf die Stadt und auf die Berge des Unterlandes. Herrlich baut sich dort gegenüber das Kellerjoch und das südliche Mittelgebirge mit der Kuppel des Patscherkofels auf. Und rechts von ihm im Hintergrund erhebt sich in ihrer vornehmen Ruhe die stolze Königin der Innsbrucker Gebirgswelt, die Serles.

Es ist ein wundervoller Fleck Erde, auf dem dieses kleine, bescheidene Schlößchen thront. Der alte Rat Leonhard liebte den Ausblick da droben und erfreute sich oft und oft daran, und immer mit dem gleichen frommen Gefühl der Andacht, die ihn angesichts dieser herrlichen Natur stets wieder von neuem ergriff.

Der alte Herr ging immer allein und konnte es gar nicht leiden, wenn sich ihm ab und zu einmal ein Bekannter auf seinem Weg anschloß. Er wollte allein sein ... allein mit der Natur und mit seinen Gedanken. Er wollte allein genießen und allein sehen.

Und er sah viel, der alte Herr. Viel mehr als andere Leute. Und er wußte auch viel, obwohl er nur für sich lebte und sich anscheinend um nichts kümmerte, als um seine eigene Person. So wußte er doch vieles, was um ihn vorging. Wußte es besser zu deuten und zu beurteilen als die andern.

Der alte Rat Leonhard ging fast täglich diesen Weg zur Weiherburg hinauf. Sommer und Winter. Und ganz besonders gern im Winter. Da brannte die liebe Frau Sonne so herrlich warm, daß die Eiszapfen an den Dächern der Häuser und Villen, die verstreut am Wege lagen, zu tauen begannen und daß der festgefrorene Schnee unter den Füßen nicht so unbarmherzig knirschte, sondern den Schritten der Menschen nachgab wie das weiche Fell eines Eisbären.

Es war hier oben gleich einer trostvollen Verheißung der Natur, daß dieser harte, starre Mantel aus Eis und Schnee, der alles in grausame Kälte hüllte, Berge und Stadt, Gärten und Wiesen, der dem breiten Fluß drunten im Tal einen immer dichter werdenden Eispanzer anzulegen drohte, schwinden werde ... daß all dies gänzliche Absterben in der Welt durch ein jähes, warmes Wunder plötzlich und über Nacht zu neuem treibendem und keimendem Leben erwachen werde. Und deshalb liebte der alte Herr diese Gegend von Innsbruck ganz besonders, weil dort droben der Süden über der Stadt grüßte. Der herrliche, wärmende und das Frühjahr verkündende Süden.

In einem Häuschen in der Nähe der Weiherburg, das mit seinem zierlichen Garten und seinem putzigen Balkon so niedlich war wie ein Puppenheim, wohnte der Maler Felix Altwirth seit zwei Jahren. Und die kleine dreijährige Dora mit dem goldroten Lockenhaar und den ungewöhnlich großen, blauen Augen spielte in dem Garten. Spielte und sang und rodelte im Winter auf einem kleinen Schlitten die Anhöhe hinunter, die von der Weiherburg zu ihrem Heim führte.

Fast täglich sah der alte Herr Rat das Kind. Und sie kannten sich auch gut, diese beiden. Wenn die kleine Dora den alten Herrn kommen sah, dann lief sie ihm jedesmal entgegen, hüpfte fröhlich an ihm empor und fragte „Hast du mir was mitgebracht, Onkel Rat?“

Und dann untersuchte das freche kleine Persönchen mit ihren weichen Patschhändchen die unförmigen großen Manteltaschen des Herrn Rates. Der alte Herr blieb geduldig stehen und ließ sie gewähren. Ja, er half ihr sogar dabei, daß sie besser hineinlangen und die Überraschung finden konnte, die er für sie hatte. Eine Orange, ein Stück Schokolade oder gebratene Kastanien. Mit leeren Händen kam der alte Rat Leonhard jetzt nie mehr an dem kleinen Häuschen vorbei. Nie mehr, seit jener Freundschaftsbund zwischen ihm und dem Kind gegründet wurde.