„Warum hast du immer den garstigen Schirm mit, Onkel Rat?“ hatte ihn einmal das Kind gefragt. „Es regnet doch gar nicht. Da brauchst du ihn nicht. Wart’, gib mir den Schirm, ich will damit spielen.“

Und lächelnd tat ihr der alte Herr den Willen. Er lächelte tatsächlich, der alte Junggeselle mit dem stets verdrossenen Mopsgesicht. Lächelte und sah dem kindlichen Spiel des kleinen Mädchens zu, wie sie eifrig plappernd mit seinem Schirm auf und ab lief, stets erzählte und mit der Spitze des Schirmes Figuren in die Erde zeichnete.

„Weißt du, das ist ein Bild. Ein schönes Bild!“ erklärte sie dann wichtig. „Das hab’ ich gemalt, ganz wie der Papa malt, nur noch viel schöner. Und das mußt du jetzt kaufen!“ Und plötzlich sah das Kind nachdenklich zu dem alten Manne auf und sagte: „Kauf! Du mußt es kaufen, Onkel Rat, damit ich Geld bekomme! Dann bring’ ich es der Mama, und dann lacht die Mama. Und meine Mama ist so lieb. So lieb ... und ich hab’ sie so lieb!“ erklärte das kleine Mädchen und machte mit beiden Armen einen großen Kreis, um anzudeuten, wie lieb sie ihre Mama habe. „Hast du meine Mama auch lieb, Onkel Rat?“ fragte sie dann den alten Herrn und sah ihn forschend an. „Zeig, wie lieb du meine Mama hast!“

Der Rat Leonhard mußte unwillkürlich lachen über die Rede des Kindes. Dabei fuhr er mit ungeschickten Händen über das blonde Lockenköpfchen. Die alten Hände des Rates Leonhard waren es nicht gewöhnt zu liebkosen. Als er mit seinen plumpen Fingern das erstemal streichelnd über das Kinderköpfchen fuhr, fast ängstlich und zaghaft, als könne er das kleine Ding irgendwie verletzen, da durchrieselte es den alten Herrn ganz merkwürdig. Eine Rührung überkam ihn, ein nie gekanntes Gefühl, das er auch schleunigst niederzukämpfen trachtete.

Das Kind hatte den alten Herrn liebgewonnen und wartete täglich am Gartentor, bis es seine gebeugte Gestalt den Berg herauf kommen sah. Dann lief es ihm entgegen und begleitete ihn ein Stück des Weges. Hand in Hand gingen sie dann nebeneinander her, und das fröhliche, sorglose Kind zwitscherte und plauderte und erzählte dem alten Herrn alles, was ihm gerade durch den Sinn kam.

Fast ein Jahr schon dauerte die Freundschaft. Von Tag zu Tag freute sich der alte Herr Rat auf das Wiedersehen mit dem Kinde. Freute sich auf den Lichtblick, der in sein einsames Dasein fiel.

Von Felix Altwirth und dessen Frau bekam der Rat Leonhard nur wenig zu sehen. Aber er wußte durch die Erzählungen des Kindes ziemlich genau Bescheid, wie es bei dem kleinen Mädchen daheim zuging ...

Gleich nach seiner Übersiedlung von München war Felix Altwirth am Stammtisch beim Weißen Hahn aufgetaucht und hatte auch seine junge Frau den Herren dort vorgestellt. Felix Altwirth war ziemlich kühl aufgenommen worden. Er war ein Fremder geworden in diesem Kreis ... einer, mit dem sie nicht recht wußten, was beginnen. Und Felix wiederum hatte das beklemmende Gefühl, daß die Herren ihn als Künstler nicht einzuschätzen verstanden, daß er für sie trotz der Erfolge, die er doch in seiner Kunst zu verzeichnen hatte, derselbe Felix Altwirth geblieben war, der arme Schlucker und verbummelte Student, auf den sie mehr oder weniger geringschätzig herabsahen.

In Wirklichkeit verhielt sich die Sache jedoch anders. Die Herren am Stammtisch wollten gut und entgegenkommend gegen Felix sein, aber nicht einer von ihnen fand den richtigen Ton, der über das beklemmende Gefühl hinweggeholfen hätte, das sie schließlich in ganz gleicher Weise beherrschte wie den jungen Künstler.

Adelens Gegenwart mochte vielleicht auch daran Schuld tragen. Die junge Frau paßte so gar nicht in dieses Milieu. Sie, die den freien, herzlichen und ungezwungenen Ton der Münchener gewöhnt war, fühlte sich durch die wortkarge Art der Herren beleidigt. Sie verstand diese Eigenart nicht. Woher sollte sie es auch wissen, daß die Herren sich mit jedem Fremden, der in ihre Kreise kam, erst abfinden mußten. Daß sie ihn zuerst von ferne beobachten mußten, ehe sie ihn näher an sich herankommen ließen. Adele hatte den Eindruck, als ob eine persönliche Abneigung gegen sie vorhanden sei, als ob man sie in diesen Kreis nicht aufzunehmen wünschte.