Dieser Eindruck verstärkte sich bei ihr noch mehr durch die Haltung der Damen, denen sie vorgestellt wurde. Da war auch nicht eine einzige, die für die Fremde ein warmes Wort des Willkommens gefunden hätte. Nicht eine einzige, die sie mit guten Worten in ihr Heim geladen hätte. Die Professorin, die in solchen Fällen sonst stets die warmherzigste unter allen gewesen, war durch ihre Erfahrung mit Frau Sophie Rapp gewitzigt worden und zog es vor, gleich den andern Damen eine gemessene Zurückhaltung zu bewahren.

Nur bei der Familie des Arztes Doktor Max Storf war eine Art Freundschaftsverkehr zustande gekommen. Aber dieser Verkehr war auch nur äußerst oberflächlich und kam nie über das Niveau der gegenseitigen Anstandsbesuche hinaus. Auch zwischen Felix und Max war die alte Jugendfreundschaft nicht mehr wie früher. Dazu mangelte es dem vielbeschäftigten Arzt an Zeit. Und auch die beruflichen Interessen der beiden waren so verschiedener Art, daß sich die zwei Freunde nicht mehr in der innigen Weise zusammenfanden, wie das früher der Fall gewesen war.

So waren denn Felix und Adele so ziemlich allein auf sich selber angewiesen. Für Felix war die Heimat, die er mit so heißem Verlangen ersehnt hatte, eine schwere Enttäuschung geworden. Er war ein Fremder geworden in der Heimat ... einer, den man dort leben ließ, aber ohne daß er Anteil nehmen durfte an dem Aufstreben und Gedeihen der Stadt.

Adele erkannte es schon nach ganz kurzer Zeit, daß die Übersiedelung aus der lieben alten Kunststadt an der Isar ein Unglück für Felix war. Sie teilte nicht die Begeisterung ihres Mannes für die herrlichen Naturschönheiten seiner Heimat. In ihr wurde jedes erhebende Gefühl durch die kalte, frostige Art der Menschen, die sie umgaben, ertötet. Und dann drückten sie schwere Sorgen. Die Sorge ums tägliche Brot war es, die mit voller Wucht auf der jungen Frau lastete.

Sie hatte darauf gerechnet, daß sie auch in Innsbruck Musikunterricht werde geben können, daß sie gerade so, wie sie es in München getan hatte, die Hauptlast des Hausstandes tragen würde. Aber auch darin hatte sie sich getäuscht. Es fanden sich keine Schüler für die unbekannte Münchener Pianistin. Und der Umstand, daß sich Adele überhaupt mit dem Plane trug, für Geld Unterricht zu erteilen, machte sie für die Damen der Innsbrucker Gesellschaft von vornherein unmöglich.

Frau Therese Tiefenbrunner und ihr Gatte waren die einzigen, die dem jungen Künstlerpaar mit Freundschaft und Wärme entgegenkamen. Sie taten alles, was sie konnten; und trotzdem wurde in Felix bald wieder der alte Groll gegen seine Verwandten rege, und auch in Adele bäumte sich alles gegen die Art der Apothekerin. Bald kostete es sie die gleiche Überwindung und die nämliche Selbstbeherrschung wie ihren Mann, gut, freundlich und dankbar gegen die Tante zu sein.

Es verging fast kein Tag, an dem die Apothekerin nicht den weiten Weg bis zur Weiherburg hinaufkeuchte. Es wurde ihr recht hart. Frau Therese Tiefenbrunner hatte es stark mit der Atemnot zu tun. Aber sie keuchte unentwegt über die Anhöhe und langte dann ganz ermattet und erschöpft oben an.

Sie kam selten mit leeren Händen. Seit sie mit scharfem Kennerblick es bemerkt hatte, daß bei dem jungen Paar Sparhans Küchenmeister war, seitdem schleppte sie immer noch einige Päckchen mit sich herauf. Allerhand brachte sie, Kaffee, Fleisch, Zucker, Kuchen, Schürzen oder ein Kleidchen für das Kind, und was ihr sonst gerade einfiel. Sie gab und wollte geben. Aber sie tat es in einer Weise, die den feinen Sinn der jungen Frau verletzte. Frau Adele hatte das Gefühl, Almosen zu empfangen, und ihr ganzer Stolz bäumte sich dagegen. Die Art und Weise, wie sie die gut gemeinten Geschenke der Apothekerin aufnahm, kränkte wiederum die Geberin.

So kam es, daß Tante und Nichte sich bald schroff gegenüberstanden. Umsomehr, da Adele sich einmal in ganz energischer Form die taktlosen Einmischungen der Apothekerin in ihren Haushalt verbeten hatte.

Nach und nach kam die Apothekerin seltener, aber sie dehnte ihre Besuche doch immerhin noch so lange aus, stellte so eingehende Fragen und besah sich alles im Haushalt mit so prüfenden Blicken, daß Adele jedesmal nach einem solchen Besuch einem Weinkrampf nahe war.