Die Frau Apotheker hatte es bald losgehabt, daß es mit dem Einkommen ihres Neffen nicht weit her war. Mit dieser Erkenntnis war aber auch der Nimbus, der den jungen Maler in der Fremde umgab, für sie geschwunden. Felix war ihrer Meinung nach ein Mensch, der ein wenig einträgliches Gewerbe betrieb. Ein Mann, der stets in allen sieben Himmeln schwebte und der keinen festen Boden unter sich hatte. Einer, dem man forthelfen mußte, wollte man ihn nicht zugrunde gehen lassen.
Mit Adelens Art konnte sich Frau Therese Tiefenbrunner gar nicht zurecht finden. Eine Frau wie diese war ihr in ihrer Praxis überhaupt noch nicht vorgekommen. Die Apothekerin gestand es sich schon nach kurzer Zeit ganz ehrlich ein, daß sie die junge Frau nicht leiden konnte. So ehrlich war sie. Und trotzdem versuchte sie es nach Kräften, gut mit ihr zu sein, ihr mit Rat und Tat zu helfen, wo sie nur konnte. Frau Therese war fest davon überzeugt, daß die schlechte Geschäftslage, in der sich Felix befand, zum großen Teil die Schuld seiner Frau sei.
„Siehst, Adele ...“ meinte sie, als sie wieder einmal bei dem jungen Paar zu Besuch weilte, „das tät’ ich an deiner Stell’ anders machen wie du. Ich muß schon sagen, ganz anders.“
Die junge, hochgewachsene, schlanke Frau sah ängstlich auf die Tante, die in ihrer ganzen Breite in dem einzigen bequemen Lehnstuhl saß, den der bescheidene Haushalt aufzuweisen hatte.
Frau Tiefenbrunner saß breitspurig vor Adele und hielt sich steif aufrecht. Dabei zog sie den ohnedies dicken Hals vollständig ein und schob die Achseln hoch. Sie dachte, daß sie in dieser Haltung besonders imponierend aussehe. Ein feistes Doppelkinn bildete sich durch die zusammengezogenen Fettwülste des Halses. Die Lippen klemmte die Apothekerin fest gegeneinander und sah mit runden, vorwurfsvollen Augen auf die junge, blonde Frau.
„Wie anders machen? Was meinst du eigentlich, Tante?“ frug Adele mit ihrer tiefen, weichen Altstimme, die so schmelzend klang wie Glockenton aus edelstem Metall.
Frau Therese lehnte sich steif zurück und kreuzte die dicken Arme unter dem Busen. „Ich mein’, das mit dem Felix seiner Malerei!“ fuhr sie fort. „Das ist doch gar nicht klug, wie er jetzt malt, wenn er nichts verkaufen kann davon!“ sprach sie in ihrer langsamen Redeweise, Wort für Wort betonend.
„Doch, Tante, Felix verkauft schon. Erst in der vorigen Woche wieder hat er ein Bild in München verkauft!“ erzählte Adele.
„So, in München, das freut mich. Wieviel hat er denn da verdient dabei?“ erkundigte sich die Apothekerin nach einer kleinen Pause, während der sie ihre Augen forschend überall im Zimmer herumschweifen ließ, ob sie nicht irgendein Zeichen von Unordnung entdecken könnte.
„Zweihundertundfünfzig Mark ...“ berichtete Adele. Die junge Frau ärgerte sich innerlich, daß sie sich noch immer nicht so weit gebracht hatte, der Tante ihres Mannes energische Antworten zu geben. „Es war eine kleinere Landschaft ...“ fügte sie entschuldigend hinzu.