„So!“ Frau Therese nickte sehr verständnisvoll mit dem Kopf. „Das ist aber nicht viel, zweihundertundfünfzig Mark. Gar nicht viel. Da werdet ihr nicht lange auskommen damit in Innsbruck, wo die Sachen alle so teuer sind. Zum Beispiel der Blumenkohl, den hab’ ich neulich um dreißig Kreuzer haben müssen. Wieviel hast denn du bezahlt dafür?“ forschte sie, und ein verstecktes Mißtrauen lauerte in ihren Augen.

Wenn die Apothekerin von Wirtschaftsfragen anfing, dann überkam ein Gefühl tiefster, innerster Hilflosigkeit die junge Frau. Adele verstand nicht viel vom Wirtschaften. Es fehlte ihr der Sinn dafür und, wie sie sich ausdrückte, auch die Begabung. Die junge Frau war sparsam. Sie überlegte sich jede, auch die kleinste Ausgabe. Aber sie konnte sich um keinen Lohn der Welt dazu bringen, ihren Kopf nur mit Haushaltungssorgen anzufüllen. Und schon gar für die verschiedenen Preise der Waren hatte sie nicht das geringste Gedächtnis. Sie vergaß alles sofort wieder.

Adele empfand das selber wie einen Mangel. Dieser Fehler war ihr eigentlich erst jetzt, da sie gewissermaßen unter der ständigen Kontrolle der Tante ihres Mannes stand, so recht zum Bewußtsein gekommen. Die junge Frau fühlte es auch, daß Frau Therese Tiefenbrunner sie durchschaute und sie innerlich wegen dieses Mangels verurteilte. Adele lenkte daher stets das Gespräch mit einiger nervöser Hast von der Hauswirtschaft auf einen andern Gegenstand. So auch jetzt wieder.

„Ich habe in letzter Zeit keinen Blumenkohl gekauft, Tante,“ entgegnete die junge Frau. „Und was das Geld anbetrifft, da hast du ganz recht. Es ist wenig. Felix sollte eben hier in seiner Heimatstadt Anwert finden. Es ist doch einfach ein Skandal, daß sich gar niemand um ihn kümmert!“ sagte sie erbittert.

„Was das Bekümmern anbelangt,“ entgegnete die Apothekerin in ihrer ruhigen Weise, „so kann ich dir sagen, daß das gar nicht so schlimm ist. Die Leute müssen eben erst etwas Gemaltes sehen vom Felix. Dann werden die Innsbrucker schon kaufen. Die sind nicht so, wie du dir einbildest. Die haben Geld und haben auch ein Kunstverständnis. Aber natürlich, die Katz’ im Sack kaufen, das kann man von keinem Menschen nicht verlangen. Von gar keinem!“ fügte sie mit Nachdruck hinzu.

Frau Tiefenbrunner fühlte sich stets persönlich gekränkt, wenn die junge Frau sich über die Stadt und deren Verhältnisse im ungünstigen Sinne äußerte.

„Das verlangen wir auch nicht, Tante,“ meinte Frau Adele. „Wir verlangen nur, daß Felix endlich einmal die Möglichkeit geboten wird, seine Bilder auszustellen. Aber es ist ja hier geradezu, als lebten wir wie Ausgestoßene, wie ...“

„Du, Adele, tu’ mir nicht immer so schimpfen über Innsbruck! Das möcht’ ich mir schönstens verbeten haben. Du bist eben keine Hiesige nicht und verstehst das alles halt nicht besser!“ sagte Frau Tiefenbrunner entschuldigend.

Adele, die früher vor der Tante gestanden war, hatte sich jetzt auf einen Hocker der Apothekerin gegenüber gesetzt und ihren Kopf nachdenklich in ihre schlanken, weißen Hände gestützt. Diese weißen, untadeligen Hände, die so wenig nach Arbeit aussahen, waren der Frau Therese Tiefenbrunner ein großer Dorn im Auge. So oft sie diese Hände nur sah, schaute sie sie fest und lange an. Sie wollte wenigstens durch ihre Blicke Adele darauf aufmerksam machen, daß es sich für deren Stand absolut nicht schicke, so feine, gepflegte Hände zu haben. Adele hatte zu arbeiten, zu putzen, zu kochen und zu scheuern. Auf diese Weise hätte sie das Wohlgefallen der Apothekerin gefunden.

Überhaupt gefiel Frau Therese Tiefenbrunner die ganze Erscheinung der jungen Frau nicht. Frau Adele war schlank von Gestalt, graziös in jeder Bewegung und von der weichen Biegsamkeit eines sehr jungen Mädchens. Sie hatte so gar nichts Frauenhaftes an sich. Auch ihre Kleidung, so einfach und bescheiden sie war, verriet den künstlerischen Anstrich in Farbe und Schnitt. Adele sah jugendlich aus und liebte es, diesen Eindruck noch zu erhöhen.