Die junge Frau hatte ein blasses, ernstes Gesicht. Sie besaß eine herbe Schönheit, die aber erst, wenn man sie näher kannte, zur vollen Geltung kam. Nur selten lösten sich die schmalen, streng geschlossenen Lippen zu einem weichen Lächeln. Das war dann aber von einer wunderbaren Innigkeit und Wärme, verklärte ihr ganzes Wesen und brachte in die hellgrauen Augen, die von dunkeln Wimpern beschattet waren, einen feuchten, bezaubernden Glanz. Mit ihrem seidenweichen, aschblonden Haar und der stets leichtgesenkten Kopfhaltung machte Frau Adele dann den Eindruck einer Madonna, einer Gottesmutter in der Auffassung eines germanischen Künstlers.
Die Apothekerin hatte wenig Sinn für die herbe Schönheit der jungen Frau. Sie fand „gar nichts Besonderes“ an ihr und konnte es nicht begreifen, daß sich der Felix in der großen Stadt keine bessere und schönere „aufgegabelt“ hatte. Sie fand Frau Adele kalt, unfreundlich, undankbar und leichtsinnig. Jedenfalls gar nicht geeignet, den flatterhaften Sinn ihres Mannes zu bändigen und ihn auf vernünftige Bahnen zu leiten. Dabei war Frau Adele in den Augen der Apothekerin auch noch hochmütig und ungelehrig, wollte nichts annehmen, was man ihr sagte, und verstand alles immer viel besser.
Es war ein später Nachmittag im Dezember, als sich die beiden Frauen in dem kleinen Wohnzimmer gegenübersaßen. Eine große Hängelampe sandte ihren Schein durch die Stube. Und der Schein fiel auch auf das goldlockige Kind, das in einem Winkel saß und mit einer Puppe spielte. Es war einfach, aber gemütlich in dem nicht sehr hohen Zimmer. Das breite Doppelfenster hatte lichte Vorhänge. Ein Blumentischchen aus weißlackiertem Holz mit blühenden Geranienstöckchen stand unmittelbar vor dem Fenster, und neben dem Fenster hing ein Vogelkäfig, in dem ein gelber Kanarienvogel zwitscherte, im lustigen Wettkampf mit dem goldlockigen kleinen Menschenkind.
Ganz besonders hell und licht war es hier drinnen bei Tag, wenn die Sonne ihre glänzenden Strahlen sandte. Da lachte und grüßte es durch die Fenster herein und lockte hinaus ins Freie zu Wanderungen durch das Tal und über die Berge.
In der Mitte des Zimmers stand ein viereckiger Speisetisch mit einer einfachen Decke, in die buntgewirkte Blumen eingewebt waren. Eine große Blumenvase thronte auf dem Tisch, stets gefüllt mit Blumen oder verschiedenfarbigen Waldzweigen. In einer Ecke, knapp neben dem breiten Doppelfenster, war der bequeme Lehnstuhl, in dem Frau Tiefenbrunner Platz genommen hatte. Davor stand ein kleiner Teetisch, ein Hockerl und noch ein Stuhl. Ein Teppich, ein Büfett, ein Klavier und einige Bilder an den Wänden vervollständigten die ganze Einrichtung.
Eine geraume Weile hindurch herrschte tiefe Stille zwischen den beiden Frauen. Das Ticken der kleinen Wanduhr war deutlich vernehmbar und tönte lauter und, wie es der nachdenklich sinnenden jungen Frau erschien, auch rascher als sonst ... als wollte es der kommenden Zeit entgegeneilen. Ob diese Zeit wohl eine bessere für sie werden würde?
Adele Altwirth dachte es mit schwerem Herzen. Sie dachte an die sorgenvollen Tage und Monate, die sie hier in dieser Stadt hatte erleben müssen. Denn wie schlecht es ihnen eigentlich erging und schon ergangen war, davon hatte die Frau Therese Tiefenbrunner doch keine genaue Kenntnis. Felix und Adele hielten mit der vollen Wahrheit stets zurück aus Stolz und aus Furcht vor neuen demütigenden Gaben, vor bittern Reden und Vorwürfen.
Da waren Tage gewesen, an denen das junge Paar ängstlich und mit bangem Zagen die letzten Geldmünzen zusammengesucht hatte ... Tage, an denen sie einander ratlos gegenüberstanden und nicht wußten, wie es in der nächsten Zeit gehen würde. Sie lebten ja so bescheiden, begnügten sich abends mit Brot und Käse und teilten gemeinsam eine kleine Flasche Bier. Es war ja so wenig, was sie zum Leben benötigten. So wenig ... Und dieses karge Brot war getrübt durch die Sorge für den morgigen Tag.
Tatsächlich von der Hand in den Mund lebten sie. Sie mußten oft um jede kleine Gabe der Apothekerin froh sein und waren es auch, waren dankbar dafür und bäumten sich doch wieder dagegen auf, da sie sich innerlich schwer gedemütigt fühlten. Sie schämten sich voreinander, schämten sich, daß sie so tief gesunken waren.
Frau Therese Tiefenbrunner hatte von all dem keine Ahnung. Felix und Adele verstanden es gut, ihre große Armut selbst vor diesen scharfen Blicken zu verstecken. Sie schämten sich dieser Armut und wären beide mit ihrem Kinde eher zugrunde gegangen, als daß sie die Wahrheit zugestanden hätten. Nur nicht hineinsehen lassen, wie’s eigentlich stand! Um keinen Preis. Niemanden! Nicht einmal die Tante.