Bis jetzt war stets, wenn die Not am ärgsten war, eine Rettung gekommen. Allerdings von außen her. In München wurden immer noch Bilder von dem jungen Maler gekauft. Nicht viele, aber der Ertrag war doch so gewesen, daß ihnen stets für den Augenblick geholfen wurde. Dann aber ging die Sorge und das Leben ins Ungewisse hinein von neuem los.
Auf die Schaffenskraft des jungen Künstlers hatte dieses nervenaufreibende Dasein eine unheilvolle Wirkung. Die schwere Enttäuschung, die ihm die Heimat brachte, der Kampf ums tägliche Brot für sich und die Seinen, das drückende Gefühl, jetzt noch als herangereifter Mann ebenso abhängig zu sein von der Gnade der Verwandten wie früher ... all dieses wirkte lähmend auf Felix Altwirth und raubte ihm die Lust zum Schaffen.
Oft ging er verzweifelt in seinem kleinen Arbeitszimmer, das ihm als Atelier diente, auf und ab und hielt sich mit beiden Händen den Kopf. „Ein Lichtstrahl, Adele! Nur ein einziger Lichtstrahl in dieser grauenhaften Öde!“ klagte Felix dann vollkommen entmutigt. „Ein einziger Lichtstrahl, und ich bin gerettet, ich kann wieder arbeiten. Ich werde ja verrückt hier. Keine Anerkennung, keine Stimmung! Nichts! Ich weiß es schon bald selber nimmer, daß ich ein Künstler bin.“
„Wir wollen wieder nach München zurück, Felix. Bald ...“ versuchte die junge Frau den aufgeregten Mann zu trösten.
„Um Gotteswillen, München, die Großstadt! Ich brauche Erholung, Erfolg, Anerkennung! Von was würden wir denn leben dort? Von was übersiedeln? Das kostet Geld. Wir haben kein Geld, Adele!“ Wie ein Rasender lief Felix im Zimmer umher und raufte sich die Haare. Er war hilflos gleich einem Kind.
„Ich will mit der Tante sprechen, ihr anvertrauen ...“ meinte Adele.
„Um Gotteswillen!“ rief Felix entsetzt. „Willst du mich denn um alles bringen, was ich habe! Auch um meine Ehre, um den letzten Rest von Ansehen, den ich noch genieße! Soll ich mich demütigen, bitten, betteln? Ist es nicht genug, daß du von dieser protzigen Frau dich wie ein Schulmädel mußt behandeln lassen? Nein! Eher gehe ich zugrunde, als daß ich das tue!“
Und Frau Adele schwieg, blieb ruhig und stark und aufrecht, wie sie es bisher gewesen. Nie hatte sie ihrem Manne Vorwürfe deswegen gemacht, daß sie von München hatte fortziehen müssen. Es war ihr schwer geworden. Recht schwer. Aber sie hatte geschwiegen und seinem Wunsche gehorcht.
Sie hatte nicht fröhlich werden können in Innsbruck. Ohne Licht und Wärme schien ihr diese Stadt, dumpf und grau und traurig und öde. Und dieses war auch der erste Eindruck gewesen, den sie von Innsbruck bekommen hatte.
Es war damals ein klarer, blauer Frühlingstag gewesen. Warm und lau die Luft. So mild und doch wiederum so drückend, wie im Inntal der Südwind den nahenden Frühling anzumelden pflegt. Gleich einem schweren Alp legte es sich auf die Sinne der jungen Frau, umspannte ihren Kopf wie mit eisernen Klammern, so daß ihr das Sehen schwer wurde. Wie im Traum wandelte sie befangen an der Seite ihres Mannes, traurig und müde. Es drückte sie alles, die Luft, die Sonne, die Fremde und die Sehnsucht nach der Isarstadt.