Und Felix war froh gewesen, so froh. Sie hatte ihn selten so heiter gesehen. Überall mußte sie mit ihm hingehen. Durch die alte Stadt zum Goldenen Dachl. Hinüber nach Sankt Nikolaus und in die Kothlacken. Hinunter am Saggen und hinaus nach Pradl und über die Felder hinüber nach Wilten. Mehrere Stunden dauerte die Wanderung, und die junge Frau konnte sich kaum mehr weiterschleppen vor Müdigkeit. Er wollte ihr alles zeigen von seiner geliebten Heimat. So viel wie möglich schon am ersten Tag. Und in immer größeres Entzücken geriet er, wenn er wieder einen neuen Ausblick auf die wundervolle Landschaft hatte, in der die Stadt lag.
„Schau, Adele, ist das nicht großartig? Schau hinauf ins Oberinntal! Siehst du die steile Felswand? Das ist die Martinswand, und gleich dahinter geht’s nach Bayern. Da kannst du dann hinaufsteigen. Zu Fuß wollen wir wandern nach München. Das wird herrlich sein. Und siehst du, da drunten im Unterland den breiten Bergrücken in der Ferne? Das ist das Kellerjoch, und da drüben an der Nordkette, das ist das Brandjoch und da die Frau Hitt und da ...“
„Ja, Felix, ja ...“ sagte sie müde. „Und das, was ist das?“ Sie deutete auf das große, ansehnliche Gebäude des Klosters Wilten und auf die knapp daneben stehende Pfarrkirche von Wilten. Breit und wuchtig stand der alte Bau in dem Talkessel von Innsbruck, umgeben von einer einzigartigen, grandiosen Natur, von einer Natur voll ernster Majestät und unnahbarer Vornehmheit.
Vom Turm der Wiltener Pfarrkirche tönte dumpfes Glockengeläute, langsam und schwer und unaufhörlich. Schon den größten Teil des Weges, den sie über die Felder von Pradl kommend zurückgelegt hatten, mußte Adele immer auf dieses Glockengeläute hören. Je näher sie kamen, desto mehr bedrückte es die junge Frau. Es erschien ihr so unsagbar traurig, wie ein Grabgeläute, und beklemmte sie gleich einer düsteren Vorbedeutung.
Dieses Gefühl der seelischen Schwere hatte Adele auch nie mehr verloren, seit sie in Innsbruck lebte. Wenn die Glocken der Stadt zu ihr herauftönten in ihr kleines, sonnenbeschienenes Heim, dann stiegen ihr heiße Tränen in die Augen. Tränen des Heimwehs, der Sehnsucht nach dem heitern Glockenklang der Türme von München; Tränen einer großen, unbestimmten Angst vor der Zukunft ...
Die kleine Dora saß noch immer am Boden und herzte ihre Puppe. Die ungewohnte Stille, die in dem Zimmer herrschte, machte das Kind erstaunt aufschauen. Unruhig rutschte sie hin und her und fing nun laut mit sich selber zu plappern an. Aber nicht lange, dann lief sie hin zu der Mutter, die noch immer ganz versunken ihren Gedanken nachhing, und umschlang die Knie der jungen Frau.
„Mutti, schon wieder traurig? Dora hat dich lieb! So lieb!“ Weit breitete das goldhaarige kleine Mädchen seine dünnen Ärmchen aus und küßte stürmisch die leise zuckenden Lippen der Mutter. Die Erinnerungen hatten Adele wehmütig gemacht. Beinahe hätte sie ihre Beherrschung verloren und in Gegenwart der Tante geweint.
Die Apothekerin sah auch nachdenklich aus. Aber es war eine andere Gedankenwelt, in der sie lebte. „Ich hab’ mir’s jetzt gerade überlegt, wie man das mit die Bilder vom Felix machen könnte!“ sagte Frau Therese Tiefenbrunner über eine Weile. „Das geht nicht so weiter mit euch. Das seh’ ich schon selber ein. Ausstellen muß er schon können, der Felix. Da darf halt jetzt der Simon, mein Mann, nicht mehr nachgeben. Ich werd’ das schon veranlassen, daß er nicht mehr nachgibt. Es ist halt ein Kreuz! Aber du weißt ja, daß dem Patscheider, der da einen großen Einfluß hat, die Bilder vom Felix nicht gefallen tun.“
„Das ist ja das Unerhörte!“ brauste jetzt Adele auf. „Daß von diesem Menschen soviel abhängt!“
Die junge Frau, die das Kind zu sich auf den Schoß genommen hatte, stellte es nun in ihrer Erregung wieder auf den Boden. Erschrocken und scheu sah das kleine Mädchen auf Adele. Dann holte es sich die Puppe und ließ sich zu den Füßen der Mutter nieder, als fühlte sie es, daß schon ihre Nähe allein der Mutter eine Beruhigung sein müsse.