„Und noch dazu kennt er überhaupt kein Werk von Felix!“ fuhr Frau Adele fort.
„Wohl, kennen tut er schon etwas!“ berichtete die Frau Tiefenbrunner. „Vorig’s Jahr, da hat doch der Felix in einem Schaufenster drunten in der Stadt etwas ausg’stellt g’habt. Ich glaub’, es war ein Weibsbild.“
„Ja, eine Studie, eine Aktzeichnung war’s. Die konnte doch unmöglich wirken hinter der blanken Spiegelscheibe!“ verteidigte Adele das Werk ihres Mannes.
„Was das anbelangt, das entzieht sich meiner Beurteilung. Ich weiß nur, daß der Patscheider sich allzeit gewehrt hat gegen eine Ausstellung, und daß der Simon gemeint hat, daß das nackte Frauenzimmer daran schuld sei. Der Felix soll halt nimmer solche Sachen malen. Er muß doch bedenken, daß wir hier alles anständige Frauen sind!“
Adele Altwirth hatte es schon längst aufgegeben, über Kunst und Kunstbegriffe, über Erlaubtes und Unerlaubtes in der Kunst mit Frau Tiefenbrunner zu sprechen. Sie wußte, daß jedes Wort vergebens gewesen wäre. Und sie war gerecht genug, es einzusehen, daß die kleinliche Umgebung, in der die Tante lebte, auch ein Verstehen ihrerseits unmöglich machte. Sie verargte es der Apothekerin nicht. Um so weniger, da sie bestimmt wußte, daß selbst die Äußerung, die sie soeben von ihr gehört hatte, nur das Echo einer fremden Meinung gewesen war.
Was Adele empörte, war, daß der Einfluß eines Ignoranten, dem jeder Begriff und jedes Verständnis für Kunst fehlte, ein so mächtiger sein konnte. Frau Adele erfaßte die ihr günstig scheinende Gelegenheit, um der Tante wieder einmal tüchtig zuzureden, sie möchte doch die Ausstellung erwirken. Oft hatte sie es ja schon getan, und Frau Tiefenbrunner hatte auch stets ihren Mann in diesem Sinne bearbeitet. Aber der Erfolg bei dem Kaufmann Patscheider war immer ein negativer gewesen.
„Wir können das verrückte Zeug nit brauchen, Herr Tiefenbrunner!“ hatte der Patscheider den Apotheker brüsk abgewiesen. „Lassen Sie’s Ihnen g’sagt sein, so was ist nix für uns. Wir sind zu g’sund dazu!“ Und kleinlaut war dann der Apotheker zu seiner Frau gekommen und hatte ihr das Resultat seiner Unterredung mitgeteilt.
„Wann halt ich selber einmal mit dem Patscheider reden tät’!“ sagte Frau Tiefenbrunner nachdenklich. „Vielleicht nutzt es mehr, wenn ich red’!“ meinte sie gutmütig.
„Ja, Tante, tu’ das! Ich bitte dich darum!“ sagte Adele fast flehend.
Sie hatte in diesem Punkt vollste Zuversicht auf die Apothekerin und traute ihrem Geschick entschieden mehr als jenem des Herrn Simon Tiefenbrunner.