Er kaufte das Bild einzig und allein wegen seines kleinen goldblonden Lieblings und freute sich schon im vorhinein auf das glückliche Jauchzen des Kindes ... „Papa hat ein Bild verkauft, Onkel Rat! Denk nur einmal, so viel Geld!“ Und dann würde sie ihre zierlichen, magern Ärmchen auseinanderbreiten, wie das ihre Art war, um damit zu zeigen, daß ihre Eltern eine ganze Welt von Geld ihr eigen nannten ...
Das kleine Mädchen war es auch, das unbewußt die ganze Not ihrer Eltern dem alten Herrn verriet. Dora war eine kleine Plaudertasche. Sie mußte immerzu plappern. Alles Mögliche und Unmögliche. Der Rat Leonhard kannte gar bald alle ihre Spielsachen, wußte, wie ihre Puppen hießen, und erhielt jeden Tag genauen Bericht über die eingenommenen Mahlzeiten. Ohne daß er sie fragte, erzählte es ihm das Kind.
Dieses Redebedürfnis des kleinen Mädchens mochte wohl daher stammen, daß Dora fast den größten Teil des Tages sich selber überlassen blieb. Die gedrückte Stimmung, in der die Eltern lebten, ließ sie nicht dazu kommen, sich viel mit ihrem Kinde zu beschäftigen. Felix schon gar nicht. Der war zu nervös, zu aufgeregt und zu verzweifelt, um dem Kinde viel Beachtung zu schenken. Und Adele, die von Natur aus ohnedies sehr schweigsam war, hing jetzt viel ihren eigenen sorgenvollen Gedanken nach. Sie spielte wohl mit dem Kinde, aber Dora fühlte es instinktiv, daß ihre Mutter nie ganz bei der Sache war ... daß es ihr nicht Freude machte wie dem Onkel Rat, wenn sie immerzu ihre kindlichen Fragen stellte und drauflos plapperte.
Vor der Tante Therese hatte Dora eine Art Scheu. Sie ging ihr nicht zu. Und Frau Therese, die nie ein eigenes Kind gehabt hatte, verstand es auch nicht, sich mit Dora abzugeben.
Der alte Rat Leonhard aber verstand das viel besser und lebte mit dem kleinen Mädchen in ihrem Phantasiereich. Redete mit ihr in ihrer eigenen Sprache, interessierte sich für ihren Gedankenkreis, lachte mit ihr und tat, was sie ihn hieß.
So wurde der alte Herr der einzige Spielgefährte des Kindes. Immer länger wurden die Ständchen, die er droben auf dem Weg zur Weiherburg mit dem kleinen Mädchen abhielt. Es war schwer zu sagen, wer von den beiden sich mehr auf diese tägliche Zusammenkunft freute.
Adele sah es gerne, daß ihr Kind so viel Anwert bei dem alten Sonderling gefunden hatte. Aber davon, daß Dora zur Verräterin ihrer verschämten Armut wurde, hatte die junge Frau keine Ahnung ...
Das Geld, das Felix durch den Verkauf seines Bildes eingenommen hatte, ging zur Neige. Die alte Not hielt Einkehr in dem kleinen, sonnigen Häuschen und lastete noch drückender und schwerer auf Felix und Adele.
Es kamen Tage, an denen Adele ihrem Kind das Brot vorzählen mußte. Sie mußte sich jedes Stückchen Brot, jeden Schluck Milch, den sie Dora gab, berechnen, um mit dem wenigen Geld, das sie noch übrig hatten, so lange als möglich wirtschaften zu können.
„Mutti, warum gibst du mir jetzt so wenig Brot?“ fragte das Kind einmal und sah betrübt auf die dünne Scheibe, die sie in ihren Händchen hielt. „Ich hab’ mehr Hunger, ich will noch ein Brot.“