Und Adele schnitt ein größeres Stück für das Kind herunter. Sie konnte den Klageton nicht hören. Jetzt noch nicht. Auf sich selbst vergaß die junge Frau. Es war lange her, seit sie sich das letztemal sattgegessen hatte. Aber das machte nichts, wenn nur Felix und das Kind genug hatten.

„Mutti, gibst du mir nicht gerne Brot?“ frug Dora und sah mit großen, forschenden Augen in das ernste Gesicht der Mutter.

„Doch, mein Liebling, mein Schatz, mein süßer!“ versicherte Adele und küßte mit stürmischer Zärtlichkeit ihr kleines Mädchen. Dabei fielen ihr heiße Tränen über das blasse Gesicht.

„Warum weinst du denn?“ fragte die kleine Dora. „Hast du wieder kein Geld?“

„Nein, Schatzi, bald gar keines mehr. Wir müssen den lieben Gott bitten, daß er uns wieder welches schickt!“ sagte Adele.

Das kleine Mädchen nickte verständig mit dem goldlockigen Köpfchen. Dann biß sie heißhungrig in das große Brotstück. Die Luft da droben auf der Weiherburg ist besonders frisch und macht kleinen Kindern einen gesunden Appetit. Ernst und nachdenklich sah Dora mit ihren großen blauen Augen auf die Mutter, die noch immer leise vor sich hin weinte ...

„Du, Onkel Rat,“ sagte Dora am Nachmittag desselben Tages zu dem alten Herrn, „hast du Kuchen mitgebracht?“

Der Rat Leonhard mußte bei solchen Fragen des Kindes stets laut lachen. Dora stellte diese Fragen in einem so drollig gebieterischen Ton und machte dabei ein so ernstkomisches Gesichtchen, daß der alte Rat ein lautes Lachen nicht unterdrücken konnte.

„Nur zwei Orangen,“ sagte er dann, „in jedem Sack eine. Such’ sie dir nur!“

Das kleine Mädchen besorgte das Suchen mit einer Gründlichkeit und mit einem Eifer, daß die Manteltaschen des Herrn Rat Gefahr liefen, aufgerissen zu werden.