„Morgen mußt du viel Kuchen mitbringen, Onkel Rat!“ sagte das Kind. „Die Mama hat kein Geld, weißt du, und kann mir kein Brot mehr geben. Und der liebe Gott hat kein Geld geschickt, und ich hab’ Hunger!“ erzählte Dora und sah mit ihrem zarten Gesichtchen, das so weiß und rosig war wie die feinste Blüte eines Apfels und einen ungewöhnlich innigen Ausdruck besaß, ernsthaft zu dem alten Herrn empor.
Bei der Rede des Kindes war der Rat Leonhard tief erschrocken. Stand es wirklich so schlimm bei den Altwirths? Hunger ... das Kind hatte Hunger. Ganz verstört war der alte Herr geworden. Er konnte sich für den Augenblick gar nicht fassen und hörte nur zerstreut auf die Neuigkeiten, die ihm Dora noch mitzuteilen hatte. Lauter liebe, kleine Angelegenheiten von den Puppenkindern waren es.
„Bringt dir die Tante Therese nie Kuchen?“ forschte dann der Rat Leonhard.
„Oh ja, manchmal schon, aber ich darf sie nicht bitten. Mama hat’s verboten.“
„Und mich, mich darfst du schon bitten?“
Das Kind schüttelte das Köpfchen und sah schalkhaft zu dem alten Manne auf. „Weißt du, das weiß die Mama ja gar nicht. Die weiß nicht, was ich dir erzähle. Darum tu’ ich’s ja!“ lachte Dora listig.
Am nächsten Tag brachte der Rat Leonhard einen großen Gugelhupf mit und am übernächsten Tag eine mächtig große Torte. „Sagst der Mama, ich hab’ so viel Bäckerei geschickt bekommen von meiner Schwester, daß ich sie nicht allein essen kann!“ trug er dem Kinde auf. Der Rat Leonhard besaß zwar gar keine Schwester, aber das konnte Frau Adele doch nicht wissen.
Adele war aber trotzdem mißtrauisch geworden, hatte Verdacht geschöpft und unterzog ihr kleines Töchterchen einem Verhör. Und mit hochrotem Gesichtchen hatte dann die kleine Sünderin ihre Schuld gebeichtet.
„Ja, Mutti, wenn uns der liebe Gott doch kein Geld schickt ...“ hatte sie entschuldigend hinzugefügt. „Der Onkel Rat ist so gut und kann schon Kuchen bringen.“ —
In den nächsten Tagen machte sich der Rat Leonhard abends nach dem Stammtisch beim Weißen Hahn an den Apotheker Tiefenbrunner heran. Das war ganz gegen seine Gewohnheit. Denn für gewöhnlich pflegte sich der alte Herr mit einem kurzen Gruß und beinahe fluchtartig vom Stammtisch zu entfernen, damit es ja keinem der Herren einfiele, ihn etwa ein Stück des Weges zu begleiten.