Heute aber wartete der Rat Leonhard sogar auf den Apotheker und war freundlich mit ihm. Sprach mit ihm, bis sie aus dem Lokal gegangen waren. Dann blieb der Rat stehen und sagte: „Begleiten jetzt Sie mich oder muß ich mit Ihnen gehen?“ Der Entschluß, einen kleinen Umweg zu machen, kam den alten Sonderling noch im letzten Augenblick recht hart an.
„Aber ich bitte, ich bitte!“ beeilte sich Simon Tiefenbrunner zu versichern. „Ich gehe gern mit Ihnen. Es tut mir gut, so ein kleiner Rundgang in der Nacht.“ Innerlich war der Apotheker jedoch gar nicht so begeistert von dem „kleinen Rundgang“. Er sehnte sich ganz gewaltig nach Hause ins Bett.
Der Rat Leonhard wohnte ziemlich weit droben in Wilten. Er liebte es, seinen Heimweg stets so einzurichten, daß er beim Gerichtsgebäude, der Stätte seines einstigen Wirkens, vorüberkam. Teilweise aus Anhänglichkeit und teilweise aus Gewohnheit.
Wenn der Herr Rat einmal auf der Straße neben einem Menschen zu gehen hatte, so pflegte er dieses ungewohnte Ereignis stets mit allerhand vorbereitenden Zeremonien einzuleiten. So einen Menschen neben sich gehen zu hören, mit ihm Schritt halten zu müssen und ihn gar noch in ein Gespräch zu verwickeln, das war dem alten Herrn im höchsten Grade zuwider. Aber es mußte heute eben sein. Damit hatte er sich abzufinden.
Der Herr Rat und der Apotheker Tiefenbrunner wanderten eine Weile schweigend nebeneinander her. Gingen durch die engen Gäßchen, die vom Weißen Hahn auf den Marktplatz führten, und sprachen kein Wort. Das heißt, der Apotheker wartete geduldig auf das, was ihm der Rat zu sagen haben würde. Denn daß es etwas ungewöhnlich Wichtiges sein müsse, das wußte Simon Tiefenbrunner sofort.
Der alte Rat Leonhard hatte aber vorderhand keine Zeit zum Reden. Er mußte sich zuerst damit vertraut machen, daß ein Mensch neben ihm ging, mit dem er sich jetzt zu unterhalten hatte. Daher wanderte der alte Herr schweigend dahin. Die Hände auf dem Rücken und den Kopf in der Höhe, als habe er angelegentlich den Mond zu studieren. Der goß sein mildes Licht auf die hohen, schwarzgrauen Häuser und ließ die dunkeln Scheiben der Fenster ab und zu aufleuchten, als ob dahinter die Geister jener Menschen, die hier in alten Zeiten einmal gehaust hatten, im fahlen Schimmer ihr nächtliches Spiel trieben.
Nachdem der alte Herr mit seinen eingehenden Betrachtungen des Mondes zu Ende war, fing er plötzlich mit der Nase zu schnauben an. Schnaubte und pustete und spuckte um sich, als befände er sich in der höchsten Erstickungsnot. Manchmal unterbrach er diese sonderbare Beschäftigung dadurch, daß er sich plötzlich um seine eigene Achse drehte. Einmal, zweimal und dreimal, wie ein Kreisel. Dabei neigte er stets seinen Kopf auf eine Seite und schielte ganz ingrimmig und erbost zum Mond hinauf, als habe dieser ein Verbrechen begangen, das nun den alten Herrn aus seinem seelischen Gleichgewicht brachte.
Der Apotheker, der an alle Eigenheiten des Herrn Rates gewöhnt war, fand nichts Außerordentliches mehr an diesen Rundtänzen mit Spucken und Hustenanfällen. Dieses Spucken und Hüsteln hielt an, bis die beiden schon ein Stück des Weges über den Marktgraben zurückgelegt hatten.
Da blieb der Herr Rat plötzlich stehen, sah nach rechts und sah nach links, steuerte dann mit dem Aufgebot seiner ganzen Energie hastig auf einen Laternenpfahl los, lehnte sich dort mit dem Rücken an und rieb den Rücken an dem Pfahl aus Leibeskräften. Es mußte den Rat Leonhard offenbar ganz gehörig am Rücken jucken, weil er gar nicht mehr mit Reiben aufhören wollte.
Der Apotheker, der geduldig auf den Rat wartete, bis dieser ihm endlich seine Mitteilungen machen würde, dachte unterdessen mit großer Sehnsucht an sein Heim, das er draußen am Innrain hatte, und überlegte, unter welchem Vorwand er wohl am ehesten dem Herrn Rat entwischen könnte.