Aber es gab kein Entrinnen. Der alte Herr, der jetzt ersichtlich alle einleitenden Zeremonien beendigt hatte, fing nun auf einmal ganz unvermittelt zu reden an. „Sie müssen Ihnen um Ihnere Verwandten besser kümmern!“ sagte er in seiner mürrischen Art. „Der Altwirth, der hat kein Leben nit. Verdient nix und hat nix. Von was soll er denn leben?“ fragte der alte Herr brüsk.
Der kleine Apotheker befand sich wieder einmal in einem Stadium ratlosester Verzweiflung: „Den Felix meinen Sie?“ stotterte er verlegen. „Ja ...“
„Ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Ich weiß schon, ich weiß alles! Ich weiß überhaupt alles!“ unterbrach ihn der alte Herr mürrisch. „Aber ich sag’ Ihnen, daß das mit den Altwirthischen nit so weiter gehen kann. Verstehen’s mich? Kann, hab’ ich g’sagt! Die haben ja bald nix mehr zum Leben!“ Und wiederum blieb der alte Herr stehen und sah so sprühgiftig auf den kleinen Apotheker, als hätte er gute Lust, diesen schon in der nächsten Minute anzufallen und tüchtig zu beuteln, um seiner Empörung einigermaßen Luft zu verschaffen.
„Aber ich bitte, Herr Rat, ich ...“
„Ja, ja, ja!“ unterbrach ihn der alte Herr grimmig. „Alles Entschuldigungen, alles Ausflüchte! Der Maler Altwirth braucht Geld, sag’ ich Ihnen, und das muß er kriegen! Das geht nit, daß man ihn mit Weib und Kind verhungern laßt! Das ist keine Wirtschaft nit!“ Der alte Herr stieß plötzlich seinen grauen Regenschirm, von dem er unzertrennlich war, mit voller Wucht auf das Steinpflaster, daß es klirrte. Und immer wieder stieß er den Schirm gegen das Pflaster und machte dabei ein ganz verbissenes, obstinates Gesicht. „Unerhört ist das da, sag’ ich Ihnen! Hocken auf ihre Geldsäck’ die Leut’ und kümmern sich an Schmarrn um einen Künstler!“ rief der alte Herr aufgebracht.
In seiner furchtbaren Empörung hustete und spuckte der Herr Rat in so grimmiger Weise um sich, daß der Apotheker, so schnell er konnte, einige Schritte nach rückwärts machte, um von diesem Zornausbruch seines Begleiters nicht getroffen zu werden ...
Noch in derselben Nacht weckte der Apotheker seine Gattin Therese und berichtete ihr den Vorfall. Frau Therese Tiefenbrunner setzte sich schlaftrunken in ihrem Bette auf. Sie verstand es zuerst gar nicht, was der Simon ihr erzählen wollte. Sie rieb sich die Augen aus, knöpfte ihre Nachtjacke auf und dann wieder zu, machte sich ihre Haare zurecht, die sie unter einer weißen, gehäkelten Haube trug, und schüttelte verständnislos den Kopf. Dann aber hatte sie den Sinn der Rede mit einem Male erfaßt, und ein ehrlicher Zorn bemächtigte sich ihrer.
Das war eine Gemeinheit, eine Unverschämtheit! Zum Rat waren sie gelaufen, der Felix und die Adele, und hatten sich über die Verwandten beklagt. So was! Sicher war es nur die Adele gewesen, das eingebildete Frauenzimmer, das hochnasige! Als ob die nicht zur Tante hätte kommen können und sie bitten. Ein Wort nur hätte genügt! Aber nein, zu stolz, zu eingebildet war sie dazu. Nachrennen sollte man ihr wohl und ihr das Geld noch nachtragen! So eine unverschämte Gemeinheit! Kein Auge konnte die Apothekerin mehr schließen in dieser Nacht vor lauter Wut.
In heller Empörung lief sie gleich am frühen Morgen hinauf zu Felix und Adele und machte ihnen einen fürchterlichen Krach. Es waren harte Worte, die sie den beiden sagte, Worte, die so wehe taten, daß sie mit nichts mehr gut zu machen waren.
Es war das Mundwerk der echten Kothlacknerin, das da zum Vorschein kam. Beide Arme in die Hüften gestemmt und hochrot vor Zorn im Gesicht, so pflanzte sich die Apothekerin vor dem jungen Paar auf und schrie Felix mit lauter Stimme an.