Diese tiefe Melancholie wechselte bei Felix mit den Ausbrüchen wildester Verzweiflung. Dann wurde er hart und ungerecht auch gegen Adele. Überhäufte sie mit Vorwürfen und bedachte nicht, daß es gerade ihm nicht zukam, ihr Vorwürfe zu machen.
„Hätte ich doch nie geheiratet!“ fing Felix dann wohl zu klagen an. „Wie frei wäre ich! Könnte herumwandern, ungebunden, nicht gefesselt und gedemütigt, wie ich es jetzt bin. Die Ehe ist nichts für einen Künstler. Sie ist ein Hemmnis und ein Unglück. Ein Künstler muß frei sein! In erster Linie frei! Nur dann, als freier, ungebundener Mann, kann er sich entwickeln, kann schaffen und arbeiten. Und wenn er Not leidet, so darbt er für sich allein. Jetzt habe ich für drei zu sorgen ... für drei zu arbeiten. Eine Fessel ist es, eine Zuchthauskette, die ich durchs Leben schleifen muß!“
In immer größere Wut redete sich Felix hinein. Er war von all dem, was er sagte, überzeugt. Wenigstens für den Augenblick. Wenn diese Verzweiflungsanfälle und der Zorn über sein unverdientes Schicksal verraucht waren, dann war er wieder lieb und gut zu Adele und weich und biegsam wie Wachs.
Die Witwe Altwirth, seine Mutter, hatte ihr Kind genau gekannt. Ihre große Sorge um ihn war nicht unbegründet gewesen. „Ist a guater Bua, aber a schwacher Mensch ...“ hatte sie von ihm noch wenige Stunden vor ihrem Tod gesagt. „Er braucht a Leitung, a starke Hand ...“
Adele besaß diese starke Hand nicht. Darin hatte Frau Therese recht. Adele war zu nachgiebig, zu rücksichtsvoll und aufopfernd. Sie vergaß sich selber ihrem Gatten zuliebe. Sein Wille war bestimmend für sie. Jetzt erst sah sie es ein, daß sie damals, als sie ihr kleines, sicheres Heim in München aufgab, um einer unsicheren Existenz entgegenzugehen, den größten Fehler begangen hatte.
Sie hätte nicht nachgeben dürfen. Sie hätte ihrem innersten Gefühl, das sie bleiben hieß, folgen müssen. Hätte mit ruhiger Sicherheit ihren Willen den Plänen ihres Gatten entgegensetzen sollen.
Jetzt, da es zu spät war, reifte in Adele diese Erkenntnis. Jetzt erst, da die graue Sorge die Gatten immer mehr entfremdete, statt sie inniger zueinander zu führen, kam die junge Frau zu der Überzeugung, daß es ein schwerer Irrtum von beiden gewesen war, sich fürs Leben aneinander zu ketten.
Adele war gerecht genug, in all den Vorwürfen, die Felix in seiner Erregung gegen sie schleuderte, auch die Wahrheit zu erfassen. Sie wußte, daß er in vielem recht hatte, und trotzdem sträubte sie sich in tiefster Seele gegen diese Auffassung. Sie war ihm gefolgt, bewußt, als freies, erkennendes Weib. Eine Gefährtin wollte sie ihm sein und war ihm eine Last geworden.
Ihr ganzer Frauenstolz bäumte sich dagegen auf. Fort wollte sie von Innsbruck. Fort mit dem Kind, wieder zurück nach München. Allein sein wollte sie und Felix wieder jene Freiheit geben, nach der er sich sehnte.
Als sie aber einmal davon sprach, da bat er sie so mild und weich: „Geh nicht von mir, Adele! Ich bitte dich. Du bist mir ja das Liebste auf Erden, du und das Kind. Bleibe bei mir! Ich bin ein Narr! Ich weiß, daß ich dir weh getan. Ich will dir nicht weh tun, Adele. Verzeih es!“