Die junge Frau erkannte es immer deutlicher ... sie durfte den Gatten nicht verlassen. Jetzt nicht ... er war haltlos. Wenn sie ihn jetzt aufgab, jetzt nicht zu ihm hielt, dann verlor er die letzte Stütze im Leben ...
So litt Adele schweigend und für sich allein. Aber oft und oft fragte sie sich in den bittern Stunden ihrer seelischen Einsamkeit ... War das die Ehe, ihre Ehe? ... War dieses das Endziel einer großen Liebe, die sie und ihren Gatten als Mann und Weib zusammengeführt hatte ... das Endziel, daß sie schließlich in seelischer Qual einander bekämpfen und aufreiben sollten? ... Kameraden hätten sie werden sollen und waren sich immer mehr zu Gegnern geworden ...
Aber Adele hielt an sich. Sie wollte tapfer sein ... ausharren, so lange es ging. Der Gedanke an ihr Kind und ein starkes Pflichtbewußtsein gab ihr Kraft und Lebensmut. Innerlich jedoch entfremdete sich das Weib in ihr dem Gatten. Sie war keine Kampfnatur. Sie liebte den Frieden um des Friedens willen. Sie stritt und kämpfte nicht mit Felix; aber alles Unrecht, das er ihr in seinen quälenden Vorwürfen antat, traf sie mit überwältigender Macht und Wucht, zerstörte die starke Liebe, die sie zu dem Manne fühlte, und zehrte an ihrem Lebensmark.
Felix merkte die innere Wandlung nicht, die sich mit der jungen Frau vollzog. Und hätte er sie gesehen, so hätte er sie nicht richtig zu deuten gewußt. Er besaß den Egoismus des Künstlers, jene Art, die keinem andern Menschen außer sich selber das Recht zugesteht, seelische Stimmungen zu haben und diesen nachzuhängen.
Und je deutlicher dieser selbstische Zug bei Felix zum Vorschein kam, desto fremder wurde er der Seele seines Weibes. Ihre ganze Kraft nahm sie zusammen, um dem Manne noch dasjenige zu sein, was sie ihm ehrlich sein konnte ... ein guter und treuer Kamerad.
Sie stand für Felix ein und verteidigte ihn gegen alle hämischen Angriffe der Tante, die immer mehr an ihm auszusetzen und zu bemängeln fand. Und unerschütterlich und fest glaubte Adele an die hohe Künstlerschaft ihres Gatten. Ein fast heiliger Glaube war es, der sie erfüllte. Der Glaube, daß trotz aller Not das Große in ihm, seine Kunst, sich unfehlbar Bahn brechen müsse.
Dieser unerschütterliche, feste Glaube an die Kunst ihres Mannes war es auch, der Adele einmal so weit brachte, daß sie in hoher Empörung Frau Tiefenbrunner die Tür wies. Stolz und aufrecht hieß sie die Apothekerin nie mehr wieder kommen, nie mehr im Leben die Schwelle ihres Hauses betreten.
Adele Altwirth wußte genau, was sie tat. Sie wußte, daß sie sich und die Ihren nun endgültig einem bitteren, ungewissen Schicksal ausgeliefert hatte. Sie wußte, daß die Not nun lauerte, düster und grausam ...