Wieder einmal stand Frau Sophie Rapp an der Spitze einer öffentlichen Veranstaltung. Schon seit Monaten wurden Vorbereitungen dazu getroffen, Damenkomitees gebildet und Sitzungen abgehalten. Es sollte eine große Feier werden, ein Wohltätigkeitsbazar, und die besten Kreise der Stadt waren daran beteiligt. Auch Frau Patscheider und Frau Professor Haidacher hatten führende Rollen. Die Apothekerin und noch einige Damen machten sich dadurch sehr verdient, daß sie buchstäblich von Haus zu Haus gingen und Geld und Gaben sammelten für den guten Zweck. Ganz Innsbruck stand bereits im Zeichen dieses gesellschaftlichen Ereignisses, das den Höhepunkt des Karnevals darstellen sollte.
Die Apothekerin konnte sich nicht genug tun, anläßlich ihrer Besuche droben bei den Altwirths immer und immer wieder von dieser Festlichkeit zu erzählen. Es interessierte da oben in dem einsamen Häuschen zwar niemanden. Weder Felix noch Adele.
In Felix weckten diese Erzählungen nur neue Verbitterung. Sie brachten es ihm noch mehr zum Bewußtsein, daß da, wo alle waren, für ihn, den Künstler, kein Platz mehr übrig blieb. So fremd und unbeachtet ging er nun schon seit zwei Jahren in seiner Vaterstadt herum. Und wenn man Feste feierte in der Stadt, so drangen nur ganz verschollene Töne zu dem Maler und seiner Frau herauf.
Es war nicht Böswilligkeit und kein absichtliches Versehen, daß man Felix und seine Frau ausschloß. Man dachte gar nicht an das junge Künstlerpaar. Man wußte, daß Felix Altwirth sich in Innsbruck niedergelassen hatte, daß er zurückgezogen lebte, Bilder malte, die er einmal ausstellte und die niemandem gefielen. Mehr wußte man nicht von ihm und wollte auch nicht mehr wissen.
Auch Frau Sophie Rapp interessierte sich jetzt nicht mehr für den Künstler Felix Altwirth. Nicht ein einziges Mal wäre es ihr in den Sinn gekommen, ihn zu einer ihrer Veranstaltungen einzuladen. Wenn er kommen wollte, dann sollte er den Weg zu ihr nur selber suchen.
Im Grunde genommen war doch auch gekränkte Eitelkeit dabei im Spiele. Die junge, gefeierte Frau hatte es erwartet, daß Felix zu ihr kommen würde, um ihr seinen Besuch zu machen. Er war nicht gekommen. Nur einige Male war sie ihm am Weg begegnet und hatte flüchtig mit ihm gesprochen. Das war alles. Sogar seine Frau hatte ihr Felix nicht vorgestellt. Sophie kannte Frau Altwirth kaum dem Sehen nach. Sie interessierte sich auch gar nicht für sie.
Aber in dem geheimsten Winkel ihres Herzens hatte Frau Sophie Rapp stets gehofft, daß wenigstens noch ein Rest jener großen Verehrung in Felix Altwirth zurückgeblieben sei, die er einmal für sie gehegt hatte. Von jener Verehrung, die sie so warm umschmeichelt hatte und die ihn eigentlich doch hätte zu ihr führen müssen. Da Felix nicht kam, begrub sie die schöne Erinnerung an ihn. Kümmerte sich nicht um ihn und beachtete ihn nicht, wie ihn die andern nicht beachteten.
Der Apotheker Tiefenbrunner und seine Frau fingen an, sich des Neffen zu schämen. Seit er mit der Ausstellung jenen Mißerfolg gehabt hatte, seitdem hatten sie den ganzen Glauben an sein Künstlertum verloren. Sie waren beide nicht imstande, sich über seine Leistungen ein eigenes Urteil zu bilden, und es gab niemand aus ihrem Bekanntenkreise, der ihnen eine Aufklärung hätte geben können.
Was Adele sagte, das glaubte die Apothekerin schon gar nicht. Die Adele! Mein Gott! Was die Person verstand! Die Apothekerin zuckte mitleidig die Achseln, wenn sie einmal in ganz vertrautem Kreis sich über ihre Nichte ehrlich aussprach. Denn nach und nach fing Frau Therese Tiefenbrunner an, sich zu äußern. Es „kochte“, wie sie sich ausdrückte, wirklich zu viel in ihr. Ein ganzer Vesuv von Gift und Galle türmte sich mit der Zeit in der guten Frau auf.
Alles ging ihr bei Felix und Adele auf die Nerven. Daß der Felix nichts verdiente, daß er nicht arbeitete, daß er sich nicht nach einem andern Beruf umsah, wenn doch bei der Malerei nichts herausschaute ... So und ähnlich redete sie fortwährend auch auf Adele ein.