Die Apothekerin war, seitdem sie die vollen Lasten des Hausstandes der Altwirths trug, zu einem rechten Hauskreuz für die junge Frau geworden. Innerlich verachtete sie ja Adele vom Grunde ihres ganzen Herzens. Sie verachtete sie, weil Adele noch immer nicht in ihren Wirtschaftssorgen aufging. Weil sie trotz allem stets die Zeit fand, ihre Musik zu pflegen, geistig frisch und rege blieb und für alle künstlerischen Interessen ein tiefes Verständnis besaß.

Das ärgerte die Apothekerin und erzeugte in ihr ein häßliches, neidisches Gefühl, das wohl seine Ursachen im Unterbewußtsein der eigenen geistigen Minderwertigkeit haben mochte. Und um sich selber in ein besseres Licht zu setzen, prunkte Frau Tiefenbrunner geradezu mit der einzigen Eigenschaft, die sie vor Adele voraus hatte. Sie protzte mit ihrem gründlichen Wissen in der Kunst des Haushaltens. Die junge Frau empfand das um so peinlicher und quälender, als sie ja in vollständiger Abhängigkeit von der Apothekerin lebte.

Eine wahre Knechtschaft übte Frau Therese gegen Adele aus. Sie verlangte Rechenschaft für jeden verbrauchten Kreuzer und tat sich keinen Zwang mehr an, Adele offen und in groben, wenig gewählten Worten ins Gesicht zu sagen, was sie von ihr und Felix hielt.

„Ihr könnt halt auch nicht wirtschaften!“ sagte sie dann. „Der Felix, der hat das ja eben nie gelernt. Hat nie sparen können, weil er’s nicht nötig gehabt hat ... natürlich!“ Dieses eine Wort „natürlich“ betonte die Apothekerin derart, daß es geradezu Bände der Anschuldigungen gegen Felix sprach. „Der Felix hat halt immer klecksen müssen und klecksen und mit Farben herumschmieren und viel Geld verbrauchen und ...“

„Aber Tante, so hör’ doch endlich damit auf, bitte!“ hatte Adele einmal ganz entschieden geantwortet. „Ich kenne ja jedes Wort schon auswendig!“ Und angeekelt von all dem Widerwärtigen hielt sie sich mit beiden Händen die Ohren zu.

Die junge Frau brauchte wahrhaft ihre ganze Selbstbeherrschung, um die täglichen Nörgeleien der Apothekerin zu ertragen. Frau Tiefenbrunner schaute sich jetzt überall im Hause gründlich um. Da war kein Winkelchen und kein Stäubchen, das ihrem Spürsinn entging. Mit dem Aufgebot unsagbarer Überwindung ertrug Adele diese Frau, ertrug die Reden und Vorwürfe solange, bis das Maß voll war. Und das geschah so ...

Frau Therese Tiefenbrunner kam strahlend hinauf zu Adele und eröffnete ihr, es sei ihr nun gelungen, eine Arbeit für Felix zu finden. „Weißt, Adele, für das Fest, von dem ich dir immer erzähl’!“ berichtete sie mit wichtigem Ernst. „Da ist jetzt nämlich alles schon so weit fertig gestellt. Der Saal ist schon gemietet; eigentlich sind es ja, wie du weißt, mehrere Säle; und jetzt brauchen wir halt noch einen Maler zum Ausmalen.“

„Tante, du wirst doch nicht ...“ Adele war kreideweiß im Gesicht geworden. Sie zitterte und bebte am ganzen Leib. „Du wirst doch nicht ...“

Frau Therese Tiefenbrunner hatte sich in ihrer ganzen Breite vor Adele aufgepflanzt und sah verständnislos auf die erregte junge Frau. Etwas wie eine teuflische Freude über den Schrecken, den sie ihr offenbar verursacht hatte, kam über die Apothekerin. Sie weidete sich geradezu daran und sah mit ruhigem, aber boshaftem und schadenfrohem Blick zu Adele empor. Weil sie diese unausstehliche, hochnasige Person nur endlich einmal demütigen konnte! Sie verstand es zwar nicht, warum ihr Angebot eine Demütigung sein sollte, aber sie fühlte, daß es Adele als eine solche empfand, und das steigerte ihr inneres Behagen.

„Ich hab’ die Damen vom Komitee gebeten,“ fuhr Frau Therese mit langsamer, breiter Stimme zu reden fort, „daß sie dem Felix die Malerarbeit übertragen ... und dieser meiniger Antrag ist auch angenommen worden!“ fügte sie mit stolzer Genugtuung hinzu.